Rudolf Schild (1873-1936)
86 - Stolperstein Rudolf Schild
Nachodstr. 11, Berlin-Wilmersdorf
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Dr. Rudolf Schild war ein jüdischer Arzt, Pionier moderner Medizin und selbstbewusster Aktivist der frühen Homosexuellenbewegung. Er engagierte sich im Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) von Magnus Hirschfeld, hielt öffentliche Vorträge zur Homosexualität und warnte vor falschen Heilungsversprechen – bis die Nationalsozialisten ihn 1936 im KZColumbia-Haus inhaftierten, worauf er sich mit Zyankali das Leben nahm.
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Rudolf Schild wurde am 7. November 1873 als Sohn einer wohlhabenden Bankiersfamilie in Frankfurt am Main geboren. Die jüdische Familie war international orientiert; sein älterer Bruder kam in Florida zur Welt, und alle vier Geschwister starben vor ihm. Über seine Kindheit ist wenig bekannt, doch er erlangte die Hochschulreife und studierte Medizin in München, wo er 1897 magna cum laude promovierte.
Von 1898 bis 1901 assistierte Schild am Städtischen Krankenhaus in Frankfurt, bevor er nach Berlin wechselte. 1903 leitete er in Frankfurt eine innovative Kinik für innere Krankheiten, die Lichtbäder, Heiluft und Vibrationsmassagen anbot – Pionierarbeit in Diätetik und physikalischer Medizin. Ab 1905 behandelten sie als erste Frankfurter Ärzte mit Radium; Schild hielt Vorträge zur Röntgentherapie bei Krebs und Leukämie und war Mitglied der Deutschen Röntgengesellschaft.
1910 zog Rudolf Schild nach Berlin, wo er zunächst als Internist in der Aschaffenburger Straße tätig wurde. 1915 diente er als Stabsarzt in Spandau, und ab 1917 führte er eine eigene Praxis in der Nachodstraße 11 in Wilmersdorf, wo er auch lebte. In Berlin bezeichnete er sich als evangelisch.
Wir können davon ausgehen, dass Rudolf Schild seine eigene Homosexualität offen und selbstbewusst lebte. In Berlin schloss er sich dem WhK an, der weltweit ersten Organisation für Homosexuellenrechte, die sich für die Abschaffung des §175 einsetzte. 1920 wurde er deren Obmann; In dieser Rolle geht Schild ein Thema an, das bis heute nachwirkt: die vermeintliche „Heilbarkeit“ der Homosexualität. 1921 hält er in Berlin einen Vortrag mit dem provozierenden Titel „Sind die Homosexuellen zur Ehe geeignet?“ Schild warnt vor der Idee, eine Ehe mit einer Frau könne gleichgeschlechtliche Neigungen vertreiben, und stellt sich damit gegen Ratgeber und Ärzte seiner Zeit, die die Ehe als „Therapie“ empfehlen. Dass sein Text 1951 noch einmal in einer Zeitschrift nachgedruckt wird, zeigt, wie weit sein Denken seiner Zeit voraus war.
Nach der Verschärfung des §175 im Jahr 1935 durch die Nationalsozialisten sollte dies auch bald Konsequenzen für Rudolf Schild haben. Um 1935 wurde er in mehreren polizeilichen Verhören in Berlin von beschuldigten „Strichern“ als Sexualpartner genannt, dies führte 1936 zu seiner Festnahme am 7. Januar. Wenig später wurde er in das KZ Columbia-Haus überstellt. Es war eines der ersten Konzentrationslager, mitten in Berlin am Rande des Tempelhofer Feldes. Wir wissen nichts Konkretes darüber, was Rudolf Schild dort ertragen musste, doch von der Behandlung anderer Häftlinge dürfen wir Schlimmes annehmen – so schlimm, dass Rudolf Schild den Nazis nicht das letzte Wort und die letzte Entscheidung über sein Schicksal überlassen wollte. Am Abend des 25. Januar 1936 wurde Rudolf Schild tot in seiner Zelle aufgefunden. Er entzog sich durch eine Zyankali-Vergiftung der nationalsozialistischen Willkür und starb als selbstbestimmter schwuler Mann.
Sein Stolperstein in der Nachodstraße 11 wurde 2025 unter Mitwirkung der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft verlegt und erinnert an sein Leben. Bis heute existiert kein Bild von ihm – umso wichtiger ist unser Gedenken an sein Leben.
Dieser Artikel basiert auf einem Text von Raimund Wolfert zur Verlegung des Stolpersteines im Oktober 2025
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Weiterführende Links & Quellen:
- Online-Artikel „Schild, Rudolf“ von Raimund Wolfert, in: Frankfurter Personenlexikon, 2021
Hinweise
Die in den Texten verwenden Begriffe, werden teilweise so verwendet, wie sie zur Zeit der queeren Held*innen üblich waren, wie zum Beispiel das Wort „Transvestit“, welches als Selbstbezeichnung von einigen Personen gewählt wurde. Dies würden wir heute viel differenzierter ausdrücken, unter anderem als Trans*, Crossdresser, Draq King, Draq Queen, Gender-nonkonform oder nicht binär. Sofern möglich, werden die Bezeichnungen gewählt, die die Person für sich (vermutlich) gewählt hatten, jedoch wissen wir teilweise nicht, wie sich die Personen selbst bezeichnet haben oder wie sie sich mit dem heutigen Wortschatz beschreiben würden.
Zudem wird auch das Wort „Queer“ verwendet, welches zur Zeit der meisten beschriebenen queeren Held*innen noch gar nicht existierte. Dennoch ist es heute das passendste Wort, um inklusiv alle die zu bezeichnen, die nicht der heterosexuellen-cis-Mehrheit entsprechen.
Held*innen dürfen aber auch Fehler haben. Aspekte in ihrem Leben, bei dem sie sich auch mal auf dem falschen Weg begaben sind menschlich. Fehler und Wiedersprüche regen dazu an, sich mit ihnen aus heutiger Perspektive auseinanderzusetzen.
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