Herman Bang (1857-1912)
87 - Gedenktafel Herman Bang, Wohnort 1907-1909
Fasanenstr. 58, Berlin-Wilmersdorf, seine Wohnung befand sich im Hinterhaus mit Blick ins Grüne
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Herman Bang war ein dänischer Schriftsteller, Journalist und Theaterkritiker; er prägte den literarischen Impressionismus. Bei seinem ersten Versuch, in Berlin zu leben, wurde er wegen einer Beleidigung des Kaisers des Landes verwiesen. Seine Faszination für Berlin blieb jedoch bestehen. 1907 suchte er hier Zuflucht vor Anfeindungen, Spott und polizeilicher Verfolgung als Homosexueller in seiner Heimat Kopenhagen. Bis 1909 lebte er in Wilmersdorf.
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Herman Bang wurde am 20. April 1857 im damals dänischen Asserballe auf der Insel Alsen geboren. Nach einem abgebrochenen Jurastudium versuchte er sich erfolglos als Schauspieler, bevor er sich in den 1880er Jahren als bekannter Feuilletonist und Literaturkritiker einen Namen machte. Nun entwickelte er sich auch zum erfolgreichen Romanautor und prägte mit seinen Werken den literarischen Impressionismus. Thomas Mann schrieb 1902: „Jetzt lese ich beständig Herman Bang, dem ich mich tief verwandt fühle.“
Bangs Art aufzutreten – elegant, geschminkt, mit betont „weichen“ Gesten – und sein auffälliger Kleidungsstil passten nicht zum bürgerlichen Männlichkeitsideal seiner Zeit – und schon gar nicht seine Liebe zu Männern. In Kopenhagen wurde er zur Zielscheibe von Spott und Angriffen; in Zeitungen und Karikaturen tauchte der Dandy immer wieder als „verweichlichter“ Sonderling auf. Bang selbst sprach nie offen über seine Homosexualität, doch Briefe, Zeitzeugenberichte und spätere Forschungen lassen daran keinen Zweifel.
Berlin wurde für Bang zum Ausweg aus dieser Enge. Doch sein erster Versuch, sich 1886 in Berlin als Journalist zu etablieren, scheiterte: Aufgrund satirischer Bemerkungen über Porträts der deutschen Kaiserfamilie wurde er aus Deutschland ausgewiesen. Sein Aufenthalt vom 1. Dezember 1885 bis 12. Januar 1896 war durch die Ausweisung erzwungenerweise kurz. Unmittelbar danach lernte Bang seine große Liebe Max Eisfeld kennen. Bis zu ihrer Trennung 1887 lebten die beiden gemeinsam in Wien und Prag. Es scheint seine einzige glückliche Liebesbeziehung gewesen zu sein.
Im Jahr 1904 veröffentlichte Herman Bang den Roman Mikael – die Geschichte eines Künstlers, der sich in sein wesentlich jüngeres Modell Mikael verliebt. Ende der 1920er Jahre wurde das Buch in Deutschland als Stummfilm adaptiert.
1906 kam es in Kopenhagen zur sogenannten „Großen Sittlichkeitsaffäre“ – einer massiven Polizeirazzia und öffentlichen Verfolgung homosexueller Kreise. Die Polizei durchsuchte Wohnungen, Clubs und Bahnhöfe, verhaftete Dutzende Personen und veröffentlichte ihre Namen in der Presse. Bang entflog dem bedrückenden gesellschaftlichen Klima erneut: 1907 kam er nach Berlin und blieb diesmal länger. Die deutsche Hauptstadt war um 1900 eine schnell wachsende Metropole mit Theatern, Cafés, Bars – und einer heimlichen, aber lebendigen homosexuellen Szene. Männer, die Männer liebten, fanden hier eher Orte, an denen sie sich begegnen konnten, als im überschaubaren Kopenhagen. Für Bang bedeutete das: mehr Anonymität, mehr Möglichkeiten.
Zunächst wohnte er in der Nürnberger Straße 36 in Wilmersdorf, später zog er ins Hinterhaus der Fasanenstraße 58. Es waren typische Berliner Mietshäuser mit engen Höfen. Bang beobachtete seine Umgebung genau und verarbeitete sie in Texten wie der Skizze Havehuset, die von einem Berliner Hinterhaus inspiriert ist.
In diesen Berliner Jahren schrieb er Erzählungen und arbeitete gleichzeitig als Kritiker. Er besuchte Theater, traf Schauspieler, diskutierte neue Regieformen und brachte seine Eindrücke in Artikeln und Prosastücken ein.
Ein wichtiger Ort in Bangs Berliner Alltag war der Victoria‑Luise‑Platz 7. Dort wohnte sein Hausarzt Dr. Max Wasbutzki, den er fast täglich besuchte. Aus dieser Freundschaft entstand 1909 der Text Gedanken zum Sexualitätsproblem, an dem beide gemeinsam arbeiteten – ein Versuch, über Sexualität, Normen und Abweichungen nachzudenken. Veröffentlicht wurde das Manuskript jedoch erst posthum 1922, da die Zensur während des Krieges eine frühere Publikation verhinderte. Es zeigt, dass Bang seine eigene Erfahrung als schwuler Mann nicht nur literarisch, sondern auch theoretisch reflektierte.
Herman Bang war zeitlebens viel auf Lesereisen unterwegs; er verbrachte längere Zeit in Norwegen, Schweden, Berlin, Hamburg, Wien, Prag und Paris. Schließlich brach er zu einer weltweiten Vortragsreise auf. In den USA starb er an einem Schlaganfall in Utah. Beerdigt wurde er in Kopenhagen.
Heute erinnert in Berlin eine Gedenktafel in der Fasanenstraße 58 an Herman Bang. Sie bezeichnet ihn ausdrücklich als „Flüchtling und homosexuellen Mann“. Wie auch heute viele Menschen aus dem Ausland nach Berlin kommen, um hier als queere Menschen frei zu leben, kam auch Herman Bang aus diesen Gründen – ein früher Zeuge queerer Flucht nach Berlin auf der Suche der Freiheit so zu Leben wie man ist.
Bildergalerie Herman Bang









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Weiterführende Links & Quellen:
- Online-Artikel „Schwuler Flüchtling der Kaiserzeit“ von Jan Feddersen, TAZ, 21.11.2021
- Online-Artikelsammlung zu „Hermann Bang“, umfangreiche deutschsprachige Sammlung und Dokumentation von Dieter Faßnacht
Hinweise
Die in den Texten verwenden Begriffe, werden teilweise so verwendet, wie sie zur Zeit der queeren Held*innen üblich waren, wie zum Beispiel das Wort „Transvestit“, welches als Selbstbezeichnung von einigen Personen gewählt wurde. Dies würden wir heute viel differenzierter ausdrücken, unter anderem als Trans*, Crossdresser, Draq King, Draq Queen, Gender-nonkonform oder nicht binär. Sofern möglich, werden die Bezeichnungen gewählt, die die Person für sich (vermutlich) gewählt hatten, jedoch wissen wir teilweise nicht, wie sich die Personen selbst bezeichnet haben oder wie sie sich mit dem heutigen Wortschatz beschreiben würden.
Zudem wird auch das Wort „Queer“ verwendet, welches zur Zeit der meisten beschriebenen queeren Held*innen noch gar nicht existierte. Dennoch ist es heute das passendste Wort, um inklusiv alle die zu bezeichnen, die nicht der heterosexuellen-cis-Mehrheit entsprechen.
Held*innen dürfen aber auch Fehler haben. Aspekte in ihrem Leben, bei dem sie sich auch mal auf dem falschen Weg begaben sind menschlich. Fehler und Wiedersprüche regen dazu an, sich mit ihnen aus heutiger Perspektive auseinanderzusetzen.
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