Chez-Romy-Haag (1974-1983)
43 - Club „Chez Romy Haag“
Fuggerstr. 33, Berlin-Schöneberg
Romy Haag kam Ende 1973 nach West-Berlin, nachdem sie bereits in Paris und New York als Tänzerin, Sängerin und Travestiekünstlerin gearbeitet hatte. Im November 1974 eröffnete sie mit dem „Chez Romy Haag“ einen für Berlin neuartigen Club mit Travestie, Playback, Pop, Chanson und aufwendig inszenierten Shows, der rasch zu einem zentralen Ort des queeren Nachtlebens wurde. Zu den Gästen zählten unter anderem Tina Turner, Freddie Mercury und David Bowie, mit dem Romy Haag auch eine Liebesbeziehung verband.
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(dieser Text ist auch im Audio-Clip zu hören)
Romy Haag wurde 1948, nach anderen Angaben 1951, im niederländischen Scheveningen geboren und wuchs dort zunächst unter einem männlichen Namen auf. Schon als Jugendliche versuchte sie, aus den ihr zugewiesenen Geschlechterrollen auszubrechen. Mit dreizehn Jahren verließ sie ihr Elternhaus und schloss sich einem Zirkus an. Mit sechzehn zog sie nach Paris und debütierte im Nachtclub Alcazar als Tänzerin. Spätere Engagements führten sie nach New York, wo sie mit einem „Berliner Chansonprogramm“ auftrat.
Ende 1973 zog sie nach West-Berlin. In ihrer Autobiografie beschreibt sie die Stadt als den Ort, an dem sie ihre Erfahrungen aus Paris und New York bündeln und erstmals konsequent in ein eigenes künstlerisches Konzept überführen wollte. Romy Haag war dabei für sie nicht nur ein Name, sondern eine bewusst entwickelte Bühnenfigur. In ihren Erinnerungen schildert sie diese Figur als Ergebnis eines längeren künstlerischen Prozesses, bei dem Kleidung, Gestik, Schminke, Stimme und Publikumswirkung zu einer eigenständigen Bühnenpersönlichkeit zusammenfanden.
Nachdem ein geplantes Engagement im Berliner „Chez Nous“ nicht zustande gekommen war, entschloss sie sich, einen eigenen Club zu eröffnen. „Hier war nichts los, kein einziger Nachtklub, wo Transsexuelle ordentlich arbeiten konnten, nur Striptease und Animierläden. Also eröffnete ich selbst einen, mit 7000 Mark Startkapital. Wir lackierten alles schwarz, hängten einen roten Samtvorhang vor einer Art Bühne in der Ecke auf, fertig.“ Ihr Ziel war ein Ort für ein junges Publikum mit eigenem Programm, bezahlbaren Preisen und einer Ästhetik, die stärker auf Show, Pop, Inszenierung und künstlerische Eigenständigkeit setzte als auf die damals übliche Travestieunterhaltung.
In kürzester Zeit stellte sie ein Ensemble zusammen und entwickelte eine Revue aus Musik, Playback, Kostümshows und Popästhetik. Das Programm verband Chanson, Pop, Oper und Sketche. Die Musik kam vom Band, die Künstler*innen standen in Drag auf der Bühne. Romy Haag bezeichnete diese Inszenierungen später als Vorläufer von Musikvideos, die es damals in dieser Form noch nicht gab. Die etwa 45-minütige Show wurde dreimal pro Nacht aufgeführt und das Programm jedes Jahr erneuert.
Am 29. November 1974 eröffnete Haag in der Fuggerstraße 33, an der Ecke zur Welserstraße, das „Chez Romy Haag“. Bis heute befindet sich der Ort in queerer Hand; bis vor kurzem war dort der Club „Connection“ ansässig. Die Gegend war damals noch stark von Prostitution geprägt und wurde erst später zum Kern des schwulen Nollendorfkiezes.
In ihrer Einladung schrieb Romy Haag: „Falls Ihre Wäsche mehr als 175° aushält, Sie von Vorurteilen frei sind, Transvestiten und Lebenskünstler lieben, dann ziehen Sie Ihre besten Klamotten an und kommen Sie zu uns.“ Die Resonanz war groß. Schon bald bildeten sich Schlangen vor dem Eingang, Eintrittskarten wurden weiterverkauft, und die Mischung aus neugierigem Publikum, Szenegängerinnen und Prominenten trug rasch zum Ruf des Clubs bei. Besonders prägend war die soziale und sexuelle Vielfalt des Publikums. In einer von Mauer, Insellage und Subkultur geprägten Stadt trafen hier Schwule, Lesben, trans Personen, Künstlerinnen, Musiker*innen, Studierende und internationale Gäste aufeinander. „Es gab nicht wie heute die Partyszene, die Modeszene, die Schwulenszene. Die Stadt war kleiner, und alles mischte sich. Man musste miteinander klarkommen, wenn man Spaß haben wollte“, beschrieb Romy Haag später diese Atmosphäre.
Auch Stars wie Freddie Mercury, Mick Jagger, Tina Turner, Grace Jones, Debbie Harry, Iggy Pop, Udo Jürgens und Udo Lindenberg trugen zum Ruhm des Clubs bei. Bryan Ferry von Roxy Music bezeichnete West-Berlin als „die dekadenteste Stadt Europas“ und erinnerte sich an das alternative Nachtleben, das es in dieser Form anderswo kaum gegeben habe. Eine besondere Rolle spielte David Bowie, mit dem Romy Haag eine Liebesbeziehung verband. Zeitweise soll er sogar bei ihr gewohnt haben, bevor er eine eigene Wohnung bezog.
Nach neun intensiven Jahren verkaufte Romy Haag 1983 den Club und widmete sich verstärkt Tourneen und eigenen Bühnenprogrammen. In dieser Zeit ließ sie auch geschlechtsangleichende Operationen durchführen. In den 1990er-Jahren wurde sie für ihr filmisches und musikalisches Werk mehrfach ausgezeichnet, darunter 1997 mit einem Teddy Award der Berlinale für ihr Lebenswerk. 1999 veröffentlichte sie ihre Autobiografie „Eine Frau und mehr“. 2012 wurde ihr zu Ehren sogar ein Asteroid namens „Romyhaag“ benannt.
Ihr Lebensmittelpunkt ist bis heute Berlin.
Bildergalerie Chez Romy Haag


Weitere Orte & Audio-Beiträge
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Weiterführende Links & Quellen:
- Podcast-Episode „Chez Romy Haag – Nachtlokale als Transiträume“ aus dem Podcast Etablissement, 4.8.2023, 50min
- Artikel „Chez Romy Haag“ von Romy Haag, aus: Dies.: „Eine Frau und mehr“. Quadriga Verlag, Berlin, 1999
- Video „David Bowie in Berlin, the time with Romy Haag“, YouTube Kanal Ben Schneider TMF, 2007
- Online-Artikel „Chez Romy Haag“ – ein queerer Ort der besonderen Art“ von Nora Eckert auf queer.de, 2024
- Online-Artikel „CHEZ ROMY HAAG – Nora Eckert über das West-Berliner Travestiecabaret“, von Nora Eckert, 2023
Hinweis zu den Begrifflichkeiten:
Im Projekt wird das Wort „Queer“ verwendet, welches zur Zeit der meisten beschriebenen queeren Held*innen noch gar nicht existierte. Dennoch ist es heute das passendste Wort, um inklusiv alle die zu bezeichnen, die nicht der heterosexuellen-cis-Mehrheit entsprechen.
Die in den Texten verwenden Begriffe entsprechen zu weiten Teilen denen, die zur Zeit der queeren Held*innen üblich waren, so zum Beispiel das Wort „Transvestit“, welches von einigen Personen auch als Selbstbezeichnung gewählt wurde. Dies würden wir heute viel differenzierter ausdrücken, unter anderem als Trans*, Crossdresser, Dragking, Dragqueen, gender-nonkonform oder nicht-binär. Sofern möglich, werden die Bezeichnungen benutzt, die eine betreffende Persönlichkeit (vermutlich) für sich selbst gewählt hat. Jedoch wissen wir teilweise nicht, wie sich historische Personen selbst benannt haben oder wie sie sich mit dem heutigen Wortschatz beschreiben würden.
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