Bruno Balz (1902-1988)
88 - Wohnort & Gedenktafel Bruno Balz
Fasanenstraße 60, Berlin-Wilmersdorf
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Bruno Balz war Textdichter für Filme, Operetten und Schlager. Aus seiner Feder stammen Evergreens wie „Davon die Welt nicht unter“ und „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“, gesungen von Zarah Leander, Heintjes „Mama“ oder Heinz Rühmanns Hit „Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frau’n“, ebenso wie codierte Texte über schwule Liebe. Sein großes Talent bestand darin, Gefühl, Sentimentalität und Witz in eine Liedzeile zu fassen, die in ihrer Mehrdeutigkeit viele Menschen ansprach und die Herzen berührte. Nachdem er wegen seiner Homosexualität verhaftet wurde, nötigten ihn die Nazis zur Scheinehe und drängten ihn aus der Öffentlichkeit. Auf seine Lieder aber wollten sie nicht verzichten. Nachdem er 1941 erneut wegen Homosexualität verhaftet wurde, bewahrte ihn nur sein Talent als Liedtexter vor dem KZ. Er schrieb weiter Hits, die von der Propaganda genutzt wurden.
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(dieser Text ist auch im Audio-Clip zu hören)
Bruno Balz wird 1902 in Berlin geboren, wo er als Einzelkind im Prenzlauer Berg in der Schwedter Straße 21 aufwächst. Er absolviert eine Lehre in einer Weinhandlung, bevor ab 1923 erste Liedtexte von ihm erscheinen; mit Texten für den ersten deutschen Tonfilm „Dich hab’ ich geliebt“ beginnt seine große Karriere als Schlagertexter.
Bereits als Jugendlicher versteht Balz sich als homosexuell und sucht Anschluss an die Berliner Homosexuellenbewegung. Er füllt im Institut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld einen psychobiologischen Fragebogen aus und wird ein Freund und Geliebter Hirschfelds. Für homosexuelle Zeitschriften posiert er als Aktmodell und veröffentlicht Gedichte, Prosatexte und Essays mit explizit homosexuellen Motiven. Über den Bund für Menschenrecht des Berliner Verlegers Friedrich Radszuweit engagiert er sich zudem in einer der damals größten Organisationen für die Rechte queerer Menschen. 1924 erscheint mit „Bubi, laß uns Freunde sein“ einer der frühesten explizit schwulen Schlager, für den er den Text liefert.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verändert sich die Lage für Balz. 1936 wird er wegen seiner Homosexualität erstmals verhaftet und verbringt mehrere Monate im Gefängnis; die Entlassung ist an Auflagen gebunden: Sein Name soll in der Öffentlichkeit nicht mehr erscheinen, und er wird zu einer Scheinehe gezwungen, um den Schein „normaler“ Lebensführung zu wahren. Balz kann weiter in der Film- und Schlagerindustrie arbeiten. Seine Texte machen Stars berühmt, während sein Name in den Presseberichten weitestgehend fehlt oder nur noch auf Schallplattenetiketten auftaucht.
In Wien trifft er 1937 Zarah Leander, die er für die Ufa entdeckt. Es ist der Beginn einer jahrzehntelangen Zusammenarbeit. Der „Dritte im Bunde“ ist der Komponist Michael Jary. Der erste gemeinsame große Hit wird „Kann denn Liebe Sünde sein?“, der auch zu einer Hymne in homosexuellen Kreisen wird. 1938/1939 entstehen Heinz Rühmanns Hits „Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frau’n“ und „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“, ohne die seine Karriere in dieser Form nicht stattgefunden hätte.
1941 folgt eine zweite Verhaftung durch die Gestapo, nachdem Balz in einer kompromittierenden Situation mit einem jungen Mann gelockt wird. Er wird im Gestapo‑Hauptquartier in der Prinz‑Albrecht‑Straße mehrere Wochen misshandelt, ihm droht die Einweisung in ein Konzentrationslager. Nur die Intervention von Zarah Leander und Michael Jary, die gegenüber Joseph Goebbels erklären, ohne Balz keine neuen Schlager für den Propagandafilm „Die große Liebe“ liefern zu können, führt zu seiner Entlassung. Unmittelbar danach entstehen Lieder wie „Davon geht die Welt nicht unter“ und „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“, gesungen von Zarah Leander, die offiziell die Kriegsstimmung stabilisieren sollen.
Bruno Balz wird vorgeworfen, Durchhalteparolen für die Nazis produziert zu haben. Doch er ließ das Ziel der Wünsche, die er für alle formulierte, offen. Die meisten dachten beim „Wunder“ nicht an die Wunderwaffen, sondern an den ersehnten Frieden. Seine Gefügigkeit gegenüber dem Regime war teilweise erpresst, er entging nur knapp dem KZ, sodass man schwer von einer freiwilligen Unterstützung sprechen kann. Aber er war Teil des Systems und hat davon profitiert, auch finanziell. Ihm wurde geholfen, während andere in ähnlicher Situation keine Gnade fanden. Seine Biografin Judith Kessler ordnet kritisch ein: „Balz war als Homosexueller natürlich potenziell dauerbedroht, aber er war kein tragischer Held, er war keine Ausnahme, nicht vor und nicht nach 1945. Er hat es geschafft, sich relativ unbeschadet durchzumogeln, er hat seine Chancen und Talente optimal genutzt und hat dafür mitgemacht, weggesehen, geschwiegen, so wie fast alle“. Nach dem Krieg klagen die Amerikaner ihn als „Hitlers Hitschreiber“ zunächst an, er wird aber freigesprochen.
Nach 1945 ändert sich seine Lage nur bedingt: Paragraph 175 und seine Vorstrafen bleiben bestehen, und die anhaltende Kriminalisierung männlicher Homosexualität trägt dazu bei, dass Balz auch in der Nachkriegszeit nicht offen leben kann.
In den 1950er und 1960er Jahren arbeitet er weiter an Schlagern. Ein großer Erfolg wird 1959 „Wir wollen niemals auseinandergehn“ von Heidi Brühl. Im Laufe seiner Karriere schrieb er den Text für über 1000 veröffentlichte Songs, auch für Udo Jürgens, Peter Alexander, die Kessler‑Zwillinge, Hildegard Knef, Hans Albers und Catharina Valente. Sein letzter großer Erfolg war 1968 „Mama“ von Heintje; es war die meistverkaufte Single des Jahres.
Privat lebt Balz seit den 1960er Jahren mit dem rund 40 Jahre jüngeren Schauspieler Jürgen Draeger in Bad Wiessee am Tegernsee und in Berlin zusammen; die Beziehung wird nach außen diskret gehalten und erst nach Balz’ Tod 1988 schrittweise öffentlich thematisiert. In seinem Testament verpflichtet Balz Draeger, über die intime Seite ihrer Partnerschaft zehn Jahre lang zu schweigen. Einige Narrative über Balz’ Leben sind nur durch Draeger belegt.
Bruno Balz starb 1988 im Alter von 85 Jahren, begraben wurde er auf dem Friedhof Wilmersdorf. Heute erinnern an ihn das Bruno‑Balz‑Archiv und eine Gedenktafel an seinem Wohnhaus in der Fasanenstraße 60.
Bildergalerie Bruno Balz




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Weiterführende Links & Quellen:
- Online-Archiv http://www.bruno-balz.com/, mit umfangreichen Berichten, Audiobeiträgen, Bildern und Videos, Betrieben von den Nachlassverwaltern
- Artikel „Zarah Leanders Librettist“, von Angelika Hager aus der Zeitschrift Profil vom 19.12.2011
- Podcast-Episode „Kann denn Liebe Sünde sein? der Schlagertexter Bruno Balz“ von Hendrik Heinze und mit Judith Kessler aus dem Podcast Bayern 2 Sozusagen, 17.3.2026, 20 min
- Audio-Beitrag „Davon geht die Welt nicht unter! Bruno Balz und Jürgen Draeger im Portrait“ von Maja Brändli, SRF2 Kultur vom 18.04.2014
Buch „Kann denn Liebe Sünde sein? auf den Spuren des Liedtexters Bruno Balz“, von Judith Kessler, 2025
Hinweise
Die in den Texten verwenden Begriffe, werden teilweise so verwendet, wie sie zur Zeit der queeren Held*innen üblich waren, wie zum Beispiel das Wort „Transvestit“, welches als Selbstbezeichnung von einigen Personen gewählt wurde. Dies würden wir heute viel differenzierter ausdrücken, unter anderem als Trans*, Crossdresser, Draq King, Draq Queen, Gender-nonkonform oder nicht binär. Sofern möglich, werden die Bezeichnungen gewählt, die die Person für sich (vermutlich) gewählt hatten, jedoch wissen wir teilweise nicht, wie sich die Personen selbst bezeichnet haben oder wie sie sich mit dem heutigen Wortschatz beschreiben würden.
Zudem wird auch das Wort „Queer“ verwendet, welches zur Zeit der meisten beschriebenen queeren Held*innen noch gar nicht existierte. Dennoch ist es heute das passendste Wort, um inklusiv alle die zu bezeichnen, die nicht der heterosexuellen-cis-Mehrheit entsprechen.
Held*innen dürfen aber auch Fehler haben. Aspekte in ihrem Leben, bei dem sie sich auch mal auf dem falschen Weg begaben sind menschlich. Fehler und Wiedersprüche regen dazu an, sich mit ihnen aus heutiger Perspektive auseinanderzusetzen.
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