Anita Berber (1899-1929)
92 - Gedenktafel Anita Berber am Wohnort 1919-1928
Zähringer Str, 13, Berlin-Charlottenburg
Audio in Erstellung
Anita Berber, sowohl an Männern als auch an Frauen interessiert, war Bühnen- und Filmschauspielerin, Modell und in den 1920er-Jahren die berühmteste Tänzerin Berlins sowie eine Ikone des Nackttanzes. Der nahezu unbekleidete expressionistische Ausdruckstanz war in den frühen 1920er-Jahren eine große Modeerscheinung. Sie galt als die „wildeste Frau Berlins“ und trat auf nahezu allen bedeutenden Bühnen der Stadt auf. Anita Berber war eine Pionierin der queeren Sichtbarkeit und weiblichen Emanzipation, indem sie Geschlechtergrenzen und Normen provokant aufbrach. Sie forderte traditionelle Rollen heraus und thematisierte als Künstlerin tabuisierte Themen der damaligen Gesellschaft. Anita Berber spielte auch im ersten Film der Filmgeschichte mit homosexueller Handlung mit. Alkohol- und drogenabhängig starb sie im Alter von nur 29 Jahren an den Folgen ihres exzessiven Lebens.
weiterlesen
(dieser Text ist auch im Audio-Clip zu hören)
1899 in Leipzig geboren, wuchs Anita Berber in einem künstlerisch geprägten Umfeld auf. Ihr Vater war Konzertgeiger, ihre Mutter Kabarettsängerin. Im Alter von 15 Jahren zog sie mit der Mutter nach Berlin, wo sie eine Ausbildung in Tanz und Schauspiel begann. Ihr Talent zeigte sich früh, bereits 1916 stand sie erstmals auf der Bühne und tourte mit Tanzensembles. Parallel arbeitete sie als Fotomodell und trat bald als Solotänzerin in renommierten Varietés wie dem Berliner Wintergarten auf.
Berbers äußeres Erscheinungsbild war ebenso provokant wie ihr Lebensstil. Sie trug Männerkleidung, Monokel und Smoking und inszenierte sich bewusst androgyn. Sie gilt als eine der ersten Frauen, die konsequent Herrenhosen trug – man nannte es sich „à la Berber“ zu kleiden, ein Stil, der später von Künstlerinnen wie Marlene Dietrich aufgegriffen wurde. Sie trug auch mal nichts außer einem Zobelpelz und entblößte sich ohne diesen in der Öffentlichkeit, gerne in Hotels, so auch im Adlon, wo sie zeitweise wohnte. Dort ging sie mit Partner in den großen Speisesaal des Adlon, bestellte Champagner und ließ den Mantel elegant an sich heruntergleiten, sodass sie nackt am Tisch saß. An anderen Tagen versteckte sich im Zobelpelz ein dressiertes Äffchen.
Auch im Film machte sie Karriere: Ab 1918 spielte sie in rund 25 Produktionen mit, darunter in „Anders als die Andern“ von Richard Oswald, dem ersten Film der Filmgeschichte, der offen ein homosexuelles Thema behandelte. Auch international wurde sie wahrgenommen durch Bilder in der US-Zeitschrift Vanity Fair.
Den eigentlichen Skandal ihrer Karriere verursachten ihre expressionistischen Nackttänze, im Englischen „German Ausdruckstanz“ genannt. Dabei ging es weniger um die Nacktheit selbst als um die radikalen Inhalte, die sie auf die Bühne brachte: Homoerotik, Drogensucht, Krankheit, Wahnsinn, Tod und Selbstzerstörung. Gemeinsam mit dem Künstler Sebastian Droste entwickelte sie 1922 die berüchtigte Trilogie der „Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase“, die auch als Film veröffentlicht wurde. Berber verstand diese Auftritte als Kunstform und autobiografischen Ausdruck, doch das Publikum nahm sie meist voyeuristisch wahr. Sie beklagte offen, dass man sie nicht als Künstlerin, sondern als Objekt betrachtete und dass die Presse ihren Facettenreichtum nicht ausreichend erkannte. Sie sagte: „Die Presse übertreibt und lügt. Später werden sie selbst herausfinden, dass ich eine Künstlerin bin und keine Perverse. Die denken, dass ich verrückt bin, weil ich mein Gesicht weiß schminke, ohne Kleidung tanze und Kokain nehme. Der Grund ist vielleicht, dass ich früh damit angefangen habe, Baudelaire zu lesen und Bücher von Henri Barbusse.“
Anita Berber verkörperte mit ihrer selbstzerstörerischen Aura und ihrem Nackttanz ein Lebensgefühl, das den Zeitgeist der frühen 1920er-Jahre traf. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg war die politische Lage instabil, hohe Reparationszahlungen belasteten das Land, die Wirtschaft lag am Boden, alte Moralvorstellungen lösten sich auf. Mit der hohen Inflation verlor Geld täglich an Wert – man gab es besser heute schnell aus, bevor es morgen nichts mehr wert war. In dieser Situation suchten viele Menschen im wilden Nachtleben Berlins ein Ventil. Man feierte das Leben und die sexuelle Freiheit, lebte im Augenblick.
Ihre exzessive Lebensweise sorgte immer wieder für Anstoß und Aufsehen. Ihre Abende waren häufig skandalös, ihre Drogensucht und ihre Ausschweifungen waren immer Stadtgespräch. Sie konsumierte Morphin und Kokain und trank täglich große Mengen Alkohol. Ihre Hemmungslosigkeit verkörperte den wilden Drang ihrer Generation zu leben, ohne Gedanken an eine scheinbar schon verlorene Zukunft.
1922 ließ sich Anita Berber nach nur drei Jahren Ehe von ihrem ersten Mann scheiden und lebte zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Susi Wanowsky, die später die Lesbenbar „La Garçonne“ in der Kalkreuthstraße 11 betrieb. Susi war auch ihre Managerin und Beraterin. Die beiden zogen zusammen und lebten gemeinsam mit Berbers Mutter und ihren Tanten in der Zähringerstraße 13 in Wilmersdorf. Eine weitere lesbische Beziehung hatte Anita 1922 mit Baronin Leonie von Puttkamer.
Ab dem Herbst 1923 änderte sich das gesellschaftliche Klima. Die neue Währung brachte Hoffnung auf wirtschaftliche Stabilisierung, das exzessive Nachtleben normalisierte sich. In der Kunst verdrängte die „Neue Sachlichkeit“ den rauschhaften Expressionismus. Das weibliche Schönheitsideal wandte sich zum sportlichen Mädel mit Bubikopf und Federn im Haar. Damit war die große Zeit Anita Berbers vorbei. Sie verbrachte zunehmend ihre Tage trinkend und koksend in Bars wie dem Eldorado oder dem Toppkeller. In einer gesundheitlich angeschlagenen Phase fand Anita Berber Unterschlupf in einem der Gästezimmer des Instituts von Magnus Hirschfeld.
1925 porträtierte Otto Dix Anita Berber in einem vollständig in Rot gehaltenen Gemälde. Mit weiß geschminktem Gesicht, blutrotem Kleid und Haar und ausgezehrter Erscheinung sieht sie, gezeichnet vom permanenten Rausch, viel älter aus als sie war. Das Werk befindet sich heute im Kunstmuseum Stuttgart.
Ihr exzessiver Lebensstil forderte seinen Preis. Drogenabhängigkeit, Skandale und aggressive Ausbrüche führten zu Ausweisungen und Engagementverlusten. In Wien wurde sie 1923 ausgewiesen, später lebte sie rastlos, ständig auf der Flucht vor Schulden und Prozessen. 1928 brach sie während einer Vorstellung in Beirut zusammen. Geschwächt durch jahrelangen Drogenkonsum erkrankte sie an Tuberkulose. Nach der Rückreise starb Anita Berber in Berlin mit nur 29 Jahren.
Anita Berber wurde am 14. November 1928 auf dem Alten St.-Thomas-Friedhof an der Hermannstraße in Berlin-Neukölln beigesetzt. Das Ende der 1950er-Jahre eingeebnete Grab wurde erst vor Kurzem wieder eingerichtet. Aktuell noch ohne Grabstein.
Gegenüber auf der anderen Seite der Hermannstraße lag der Neue St.-Thomas-Friedhof, der 2012 in einen Park umgewandelt wurde und seit 2017 den Namen Anita-Berber-Park trägt. An ihrem Wohnort in der Zähringerstraße 13 befindet sich seit 2003 eine Gedenktafel.
Weitere Orte mit Anita Berber:
Bildergalerie Anita Berber












Weitere Orte & Audio-Beiträge
Weitere Audio-Beiträge in der Nähe:
Weiterführende Links & Quellen:
- Buch „Anita Berber. Ein getanztes Leben“, von Lothar Fischer, 2014
- Podcast-Folge „Anita Berber“ aus dem Podcast „Blick zurück“ der Berliner Zeitung, vom 31.10.2024, 42min
- Podcast-Folge „Tanz bis in den Tod. Das kurze Leben der Anita Berber„ aus dem Podcast „Goldstaub – Der Zwanziger Jahre Podcast“, 1h32 min, 2025
- Roman „Der ewige Tanz“ von Steffen Schroeder, Rowohlt, 2025
- Fernsehbeitrag Anita Berber Ausstellung in Wien 2023, ORF ZIB, 24.08.2023
- Film „Anders als die Anderen“, Film von Richard Oswald, Stummfilm mit englischen Untertiteln, 1919, veröffentlicht auf Vimeo durch Guenter G. Rodewald
- Online-Artikel „Anita Berber, Tänzerin“ der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft
- Film „Anita – Tänze des Lasters” mit Lotti Huber, Regie Rosa von Praunheim, 1986
Hinweis zu den Begrifflichkeiten:
Im Projekt wird das Wort „queer“ verwendet, welches zur Zeit der meisten beschriebenen queeren Held*innen noch gar nicht existierte. Dennoch ist es heute das passendste Wort, um inklusiv all die zu bezeichnen, die nicht der heterosexuellen Cis-Mehrheit entsprechen.
Ein Projekt von Rafael Nasemann angegliedert an die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V., Berlin.
Gefördert durch die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung – Stiftung für queere Bewegungen

Die Karte wurde mit dem WP Go Maps Plugin erstellt. Danke für die kostenlose Lizenz https://wpgmaps.com
© 2026 – Rafael Nasemann, alle Rechte vorbehalten
