Lilly Wust (1913-2006) & Felice Schragenheim (1922-1945)

85 - Wohnort Felice Schragenheim, Prager Straße 29

heute Grainauer Str. 13, Berlin-Charlottenburg

Audio in Erstellung

Felice Schragenheim war eine junge jüdische Widerstandskämpferin in Berlin, die unter falscher Identität ein Doppelleben führen musste. 1942 verliebte sie sich in Lilly Wust, eine Berliner Hausfrau und Mutter von vier Söhnen. Lilly versteckte Felice sowie drei weitere Jüdinnen während der NS-Zeit und erhielt dafür später das Bundesverdienstkreuz sowie den Titel „Gerechte unter den Völkern“. Felice wurde 1944 von der Gestapo verhaftet, nach Theresienstadt und später nach Auschwitz deportiert und starb 1945 kurz vor Kriegsende; die leidenschaftliche Liebe der beiden Frauen wurde in Buch und Film „Aimée & Jaguar“ verewigt.

(dieser Text ist auch im Audio-Clip zu hören)

Charlotte Elisabeth „Lilly“ Wust, geborene Kappler, wurde 1913 in Berlin geboren. 1934 heiratete sie den Bankangestellten Günther Wust, der den Nationalsozialisten nahestand. Aus der Ehe gingen vier Söhne hervor, was ihr im NS-System das Mutterkreuz in Bronze sowie das Recht auf eine Hausangestellte einbrachte.

Felice Rahel Schragenheim wurde 1922 in Berlin als Tochter jüdischer Zahnärzte geboren und wuchs in bürgerlichen Verhältnissen in  Tiergarten auf, ihre Eltern starben jedoch früh. 1938 musste sie nach der Reichspogromnacht das Bismarck-Lyzeum (heute Hildegard-Wegscheider-Gymnasium) noch vor dem Abitur verlassen. In den folgenden Jahren scheiterten ihre Emigrationsversuche, und ab 1941 wurde sie zur Zwangsarbeit verpflichtet. Zu dieser Zeit lebte sie in der Prager Straße 29 (heute: Grainauer Straße 13) in Wilmersdorf. Nachdem sie 1942 einen Deportationsbescheid erhalten hatte, tauchte sie unter. Sie lebte fortan im Untergrund, nutzte falsche Papiere und war in einem überwiegend lesbischen sowie widerständigen Freundeskreis aktiv.

Die Begegnung der beiden Frauen fand im November 1942 in einem Café statt. Lilly lebte als Mutter von vier Kindern in einer großen Wohnung; Felice trat ihr zunächst unter falschem Namen gegenüber und verbarg ihre jüdische Herkunft. Aus gemeinsamen Abenden, Briefen und Gedichten entwickelte sich eine Liebesbeziehung, in der sich eine bis dahin heterosexuell lebende Hausfrau und eine untergetauchte Jüdin einander annäherten. In dieser Konstellation verband sich Felices Tarnung mit Lillys allmählich erwachendem lesbischen Begehren, das sie rückblickend als spätes Erwachen beschrieb.

Die Beziehung spielte sich im Alltag des kriegsgeprägten Berlin ab: Besuche in Cafés, Spaziergänge, Treffen mit Freundinnen und Nächte in Hotels bildeten Inseln von Intimität inmitten von Luftkrieg und Verfolgung. Felice und Lilly gaben einander die Kosenamen „Aimée“ und „Jaguar“. Im Frühjahr 1943 zog Felice in Lillys Wohnung in Berlin-Schmargendorf; dort lebten sie faktisch als Lebensgemeinschaft mit Lillys Kindern, während Felice weiterhin konspirative Kontakte pflegte.

Im Juni 1943 verfassten beide einen gemeinsamen „Ehevertrag“, im September tauschten sie Ringe – eine symbolische lesbische Ehe, die im Kontext der NS-Gesellschaft auch als stiller Akt des Widerstands gedeutet wird. Das Dokument ist heute in der Dauerausstellung des Jüdischen Museums Berlin zu sehen.

Am 21. August 1944 wurden Felice und Lilly nach einem Ausflug an die Havel von der Gestapo erwartet und verhaftet. Während Lilly nach kurzer Zeit wieder freikam, blieb Felice in Haft und wurde zunächst im Sammellager des Jüdischen Krankenhauses in Berlin interniert. Anschließend deportierte man sie nach Theresienstadt. Lilly schickte Pakete, die nachweislich ankamen, versuchte, Felice zu besuchen, und dokumentierte ihre anhaltende Liebe in Tagebüchern und Briefen.

Im Oktober 1944 wurde Felice nach Auschwitz deportiert und später in das Konzentrationslager Groß-Rosen überstellt. Vermutlich kam sie im Februar 1945 auf einem Todesmarsch ums Leben; Ort und genaues Datum ihres Todes sind nicht bekannt. Nach Kriegsende suchte Lilly Wust lange nach Spuren von Felice. Für die Rettung und Unterstützung mehrerer Jüdinnen erhielt sie später das Bundesverdienstkreuz und wurde 1995 von Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt.

Lilly Wust starb 2006 in Berlin. Ihr Grab erinnert auch an Felice, deren Nachlass aus Briefen und Fotografien sich heute im Jüdischen Museum Berlin befindet. Die durch Erica Fischers Buch und den Film „Aimée & Jaguar“ bekannt gewordene Geschichte von Lilly „Aimée“ Wust und Felice „Jaguar“ Schragenheim gilt heute als eine der bedeutendsten lesbischen Liebesgeschichten im nationalsozialistischen Berlin und als zentrale Referenz der Erinnerung an homosexuelle Frauen in der Stadt. 2004 wurde am Wohnort von Lilly Wust in der Friedrichshaller Straße 23 ein Stolperstein für Felice Schragenheim verlegt – es war ihr letzter selbstgewählter Wohnort.

Bildergalerie Lilly Wust & Felice Schragenheim

Weitere Orte & Audio-Beiträge

Weitere Audio-Beiträge in der Nähe:

Weiterführende Links & Quellen:

Hinweise

Die in den Texten verwenden Begriffe, werden teilweise so verwendet, wie sie zur Zeit der queeren Held*innen üblich waren, wie zum Beispiel das Wort „Transvestit“, welches als Selbstbezeichnung von einigen Personen gewählt wurde. Dies würden wir heute viel differenzierter ausdrücken, unter anderem als Trans*, Crossdresser, Draq King, Draq Queen, Gender-nonkonform oder nicht binär. Sofern möglich, werden die Bezeichnungen gewählt, die die Person für sich (vermutlich) gewählt hatten, jedoch wissen wir teilweise nicht, wie sich die Personen selbst bezeichnet haben oder wie sie sich mit dem heutigen Wortschatz beschreiben würden.

Zudem wird auch das Wort „Queer“ verwendet, welches zur Zeit der meisten beschriebenen queeren Held*innen noch gar nicht existierte. Dennoch ist es heute das passendste Wort, um inklusiv alle die zu bezeichnen, die nicht der heterosexuellen-cis-Mehrheit entsprechen.

Held*innen dürfen aber auch Fehler haben. Aspekte in ihrem Leben, bei dem sie sich auch mal auf dem falschen Weg begaben sind menschlich. Fehler und Wiedersprüche regen dazu an, sich mit ihnen aus heutiger Perspektive auseinanderzusetzen.

Ein Projekt von Rafael Nasemann angegliedert an die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V., Berlin.

Gefördert durch die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung – Stiftung für queere Bewegungen

Home

Die Karte wurde mit dem WP Go Maps Plugin erstellt. Danke für die kostenlose Lizenz https://wpgmaps.com

© 2026 – Rafael Nasemann, alle Rechte vorbehalten