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Klaus Nomi (1944-1983)

28 - Kleist-Casino, Auftrittsort Klaus Nomi, heute Bull, die weltwei 2. älteste noch betriebene queere Bar

Kleiststraße 35, Berlin-Schöneberg

Klaus Nomi war Konditor, Countertenor und Performancekünstler. In Berlin arbeitete er zunächst als Platzanweiser an der Deutschen Oper und experimentierte im Kleist-Casino mit Gesang und Geschlechterrollen, bevor er 1973 nach New York zog. Dort entwickelte er seine unverwechselbare Kunstfigur und verband New-Wave-Synthesizer-Sounds, Opernarien und Pop-Cover mit androgynem Auftreten, weißer Schminke und einer „außerirdisch“ wirkenden Bühnenpräsenz. An der Seite von David Bowie wurde er international bekannt. Doch ihm war nur eine kurze Zeit des Erfolgs vergönnt: Nomi zählt zu den ersten bekannten Künstlern, die an Aids starben. Er starb 1983 im Alter von 39 Jahren in New York.

(dieser Text ist auch im Audio-Clip zu hören)

Klaus Nomi wurde 1944 im bayerischen Immenstadt als Klaus Sperber geboren. Zunächst absolvierte er eine Ausbildung zum Konditor. Gleichzeitig zog es ihn auf die Bühne. Er arbeitete als Statist an den Essener Bühnen, bevor er Mitte der 1960er-Jahre nach West-Berlin ging, um seine Gesangsausbildung zu vertiefen.

In Berlin begann er ein Gesangsstudium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Dort wurde er als Tenor ausgebildet, obwohl er eine Karriere als Countertenor anstrebte. Diese besondere Stimmlage fand an den Opernhäusern damals kaum Anerkennung. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, arbeitete er als Platzanweiser an der Deutschen Oper Berlin. Nach den Vorstellungen oder nachts sang er auf der leeren Bühne für Mitarbeitende aus Aufsicht und Technik.

Parallel dazu fand Klaus Sperber in der West-Berliner Schwulenszene der 1960er Jahre einen Raum, in dem sein Interesse an Oper und gender-nonkonformem Auftreten auf ein offenes Publikum traf. Er trat regelmäßig im Kleist-Kasino unter dem Bühnennamen „Renata Castrata“ auf und begeisterte mit hochdramatischem Operngesang und entwickelte dort die Anfänge seiner später berühmten Kunstfigur: eine Verbindung aus androgynem Auftreten, extremer Stimmhöhe und einer bewusst künstlichen, „außerirdisch“ wirkenden Präsenz.

Klaus Nomis Auftrittsort, das Kleist-Casino, wurde 1921 eröffnet. Somit kann das Bull als Nachfolge-Location als zweitälteste noch betriebene Schwulenbar der Welt gelten. Das Centralhjørnet in Kopenhagen ist noch vier Jahre älter. Das ursprüngliche Kleist-Casino befand sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite, in der Kleiststraße 15. Im März 1933 wurde es von den Nationalsozialisten geschlossen. Auf Intervention des homosexuellen SA-Führers Ernst Röhm konnte es jedoch zunächst wieder öffnen, bevor der Betrieb 1935/1936 endgültig eingestellt wurde. Das Gebäude wurde im Krieg zerstört. Am 4. Februar 1950 eröffnete das Kleist-Casino hier in der Kleiststraße 35 erneut. 2002 endete der Betrieb des Kleist-Casinos, und an seine Stelle trat das Bull, eine schwule Fetischbar.

Trotz seines Studiums und seiner praktischen Erfahrung blieben Nomis Versuche, im regulären Opernbetrieb Fuß zu fassen, erfolglos. Opernhäuser boten ihm kaum Möglichkeiten, und eine Nachfrage nach Countertenören, wie sie heute besonders in der Barockoper besteht, gab es damals nur vereinzelt. 1973 entschied sich Sperber deshalb, nach New York City auszuwandern.

Dort hielt er sich zunächst mit Gelegenheitsjobs über Wasser, arbeitete als Konditor und belieferte unter anderem das Guggenheim Museum mit Linzer Torten. Zeitweise lebte er mit Rosa von Praunheim in einer Wohngemeinschaft. Er setzte seine Gesangsausbildung fort, nun mit dem erklärten Ziel, als Countertenor aufzutreten. Er legte seinen bürgerlichen Namen ab und wählte „Klaus Nomi“ als Künstlernamen – ein Wortspiel mit dem Science-Fiction-Magazin „Omni“. Damit schärfte er sein Image als nicht ganz irdische Figur im queeren New Yorker Underground.

In der Szene des East Village wurde Nomi ab Ende der 1970er-Jahre zu einer festen Größe. Sein Durchbruch gelang 1978 bei der Veranstaltungsreihe „New Wave Vaudeville“. Es folgten Clubkonzerte und schließlich 1979 der Fernsehauftritt an der Seite von David Bowie bei „Saturday Night Live“, der ihn international bekannt machte. Vor dem Auftritt soll Bowie gesagt haben: „Die Leute werden ausflippen, wenn sie das sehen – und eure Karrieren werden durchstarten.“ Nomis Kombination aus Synthesizer-Sounds, Opernarien und Pop-Covern, präsentiert in einem geometrischen schwarz-weißen Kunststoff-Smoking und mit weiß geschminktem Gesicht, wurde zu einer Ikone queerer Popkultur. Sein Freund und künstlerischer Partner Joey Arias erinnerte sich: „Der Ort spielte völlig verrückt. Es war total poppig, aber auch surreal, schräg, wunderschön – und typisch Downtown New York.“

Klaus Nomi veröffentlichte zwei Alben, bevor Aids ihm die Möglichkeit nahm, seinen Erfolg fortzusetzen und länger zu genießen. Er stand am Beginn einer aufstrebenden Karriere, die er nicht weiterführen durfte.

Ab 1982 zeigte sich die Krankheit: Aids war damals noch ein Todesurteil – und blieb es über ein Jahrzehnt. Seine letzten Wochen verbrachte Nomi sehr einsam. Viele seiner Wegbegleitenden hatten Angst, sich mit dem neuen „Schwulenkrebs“ anzustecken, und mieden den Kontakt. Er starb am 6. August 1983 als einer der ersten bekannten Künstler an den Folgen von Aids. Seine Asche wurde über New York verstreut.

Klaus Nomi hinterließ einen bleibenden Einfluss auf Kunst und Popkultur. Lady Gaga beschrieb, dass sie in ihrer Jugend von Nomi und dem exzentrischen australischen Künstler Leigh Bowery „fasziniert“ war: „Ich bin mit ihnen aufgewachsen und wurde ganz natürlich zu der Künstlerin, die ich heute bin.“ Auch Kylie Minogue zollte Nomi 2019 beim Glastonbury-Festival mit einem Lookalike-Tänzer Tribut. Ebenso ließen sich Modedesigner wie Marc Jacobs und Jean Paul Gaultier von ihm inspirieren.

Seit Oktober 2026 erinnert in Berlin am Bull, dem Standort des ehemaligen Kleist-Casinos, eine Gedenktafel mit QR-Code an das Leben und Wirken von Klaus Nomi.

Bildergalerie Klaus Nomi

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Hinweis zu den Begrifflichkeiten:

Im Projekt wird das Wort „Queer“ verwendet, welches zur Zeit der meisten beschriebenen queeren Held*innen noch gar nicht existierte. Dennoch ist es heute das passendste Wort, um inklusiv alle die zu bezeichnen, die nicht der heterosexuellen-cis-Mehrheit entsprechen

Queere Held*innen ist ein Projekt von Rafael Nasemann im Rahmen von Homolulu Berlin – Plattform für queere Geschichte und Erinnerungskultur. 

Diese Gedenktafel mit QR-Code wurde in Kooperation mit dem Schwulen Museum Berlin realisiert und im Rahmen der Partnerschaft für Demokratie „Gemeinsam in Tempelhof-Schöneberg – Demokratie leben!“ gefördert – mit Mitteln des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg, der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung sowie des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ).

Die interaktive Karte wurde mit dem Plugin WP Go Maps erstellt. Herzlichen Dank an WP Go Maps für die kostenlose Bereitstellung der Pro-Lizenz zur Unterstützung dieses gemeinnützigen Projekts.

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