Hermann Holzheim (1891-1941)

16 - Stolperstein Hermann Holzheim

Wolliner Str. 3, Berlin-Mitte

Hermann Holzheim war ein jüdischer, homosexueller Mann und Handelsvertreter. Nachdem in der NS-Zeit queere Lokale schließen mussten, wurde seine Wohnung in der Wolliner Strasse wurde zum Treffpunkt für Männer aus der Szene. In den folgenden Jahren wurde er zunehmend entrechtet, überwacht und durch Boykott und Verfolgung seiner Existenz beraubt. Nach mehrfacher Verhaftung wurde er 1941 ins KZ Dachau deportiert, wo er kurz vor seinem 50. Geburtstag ums Leben kam; ein Stolperstein in der Wolliner Straße erinnert heute an sein Schicksal.

(dieser Text ist auch im Audio-Clip zu hören)

Hermann Holzheim wurde am 24. Dezember 1891 in Neustettin (heute Polen) als Sohn einer jüdischen Familie geboren. Sein Vater Philipp führte dort eine koschere Fleischerei. Die Familie erlebte eine schwierige Kindheit, geprägt von antisemitischen Anfeindungen und dem frühen Tod mehrerer Geschwister. Trotz dieser Widrigkeiten blieb sie zunächst in Neustettin, bevor sie 1911 nach Berlin übersiedelte.

Hermann wuchs in einem rauen Umfeld auf, in dem Juden häufig Übergriffen ausgesetzt waren. Der Umzug nach Berlin erfolgte vermutlich in der Hoffnung auf bessere wirtschaftliche Perspektiven und ein sichereres Leben. In den 1920er Jahren war Berlin ein Zentrum jüdischen und queeren Lebens. Die Familie ließ sich im Prenzlauer Berg nieder, wo der Vater erneut eine koschere Fleischerei eröffnete. Hermann absolvierte eine kaufmännische Ausbildung in der Lederbranche und arbeitete nach dem Ersten Weltkrieg, aus dem er mit schwerer Sehbehinderung zurückkehrte, zunächst im väterlichen Geschäft. Später machte er sich als Handelsreisender für Stoffe selbstständig.

In den 1920er Jahren entwickelte Hermann einen schwulen Freundeskreis. Seine Wohnung in der Wolliner Straße 3, im heutigen Berlin-Mitte, wurde zum Treffpunkt für Männer aus der queeren Szene Berlins. Die Stadt war damals international als Zufluchtsort für homosexuelle Menschen bekannt, die hier trotz §175, der Homosexualität kriminalisierte, relativ offen leben konnten. Bars wie die „Gormannbude“ und der „Weltkrug“ waren beliebte Treffpunkte. Das nahegelegene Scheunenviertel war ein lebendiges Viertel, in dem Künstler, Musiker und queere Menschen zusammenkamen.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verschärfte sich die Lage dramatisch. Die Polizei überwachte die queeren Treffpunkte, viele Bars wurden geschlossen. Hermann und seine Freunde trafen sich nun zunehmend privat in seiner Wohnung. 1935 verlor Hermann infolge antisemitischer Boykottaufrufe gegen jüdische Geschäfte seine Arbeit und war auf öffentliche Wohlfahrt angewiesen. Ab 1937 geriet er verstärkt ins Visier der Gestapo, entging jedoch zunächst einem Strafverfahren. Seine Freunde unterstützten ihn, als er zunehmend erblindete.

Im Januar 1941 wurde ihm die staatliche Unterstützung entzogen, sodass er auf die Hilfe der Jüdischen Gemeinde angewiesen war. Im Februar 1941 wurde er wegen seiner Homosexualität verhaftet und vom Berliner Landgericht zu sechs Monaten Haft im Gefängnis Spandau verurteilt. Während dieser Zeit kümmerte sich sein Bruder Alfred um ihn. Nach seiner Entlassung im August 1941 wurde Hermann erneut verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau deportiert, wo er am 22. November 1941, nur wenige Wochen vor seinem 50. Geburtstag, ums Leben kam. Die offizielle Todesursache lautete Herz- und Kreislaufversagen, doch ist bekannt, dass die Nationalsozialisten Todesursachen häufig fälschten. Es gibt Hinweise darauf, dass Hermann möglicherweise Suizid beging.

Hermanns Bruder Alfred, dessen Ehefrau Paula und die Tochter Mira wurden 1942 verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo sie vermutlich ermordet wurden. Nur der jüngste Bruder Kurt überlebte den Krieg; er hatte Berlin in den 1930er Jahren verlassen und kehrte nach Kriegsende zurück.

Der Stolperstein vor der Wolliner Straße 3 erinnert an Hermann Holzheim und sein tragisches Schicksal als jüdischer, homosexueller Mann, der unter der nationalsozialistischen Verfolgung litt. Seine Geschichte steht exemplarisch für die doppelte Diskriminierung und Verfolgung, die viele Menschen in der NS-Zeit erleiden mussten – als Juden und als Teil der queeren Community. Sie erzählt von Mut, Gemeinschaft und der Suche nach einem Ort der Freiheit, aber auch von Verlust, Unterdrückung und Tod

Bildergalerie Hermann Holzheim

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Hinweis zu den Begrifflichkeiten:

Die in den Texten verwenden Begriffe entsprechen zu weiten Teilen denen, die zur Zeit der queeren Held*innen üblich waren, so zum Beispiel das Wort „Transvestit“, welches von einigen Personen auch als Selbstbezeichnung gewählt wurde. Dies würden wir heute viel differenzierter ausdrücken, unter anderem als Trans*, Crossdresser, Dragking, Dragqueen, gender-nonkonform oder nicht-binär. Sofern möglich, werden die Bezeichnungen benutzt, die eine betreffende Persönlichkeit (vermutlich) für sich selbst gewählt hat. Jedoch wissen wir teilweise nicht, wie sich historische Personen selbst benannt haben oder wie sie sich mit dem heutigen Wortschatz beschreiben würden.

Zudem wird auch das Wort „queer“ verwendet, welches zur Zeit der meisten beschriebenen queeren Held*innen noch gar nicht existierte. Dennoch ist es heute das passendste Wort, um inklusiv all die zu bezeichnen, die nicht der heterosexuellen Cis-Mehrheit entsprechen.

Ein Projekt von Rafael Nasemann angegliedert an die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V., Berlin.

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