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Fritz Heilscher (1898–1942)

15 - Stolperstein Fritz Heilscher

Strelitzer Str. 58, Berlin-Mitte

Fritz Heilscher war ein deutscher Tänzer, Choreograf und Ballettmeister, der an zahlreichen deutschen Theatern Karriere machte. Doch die Nationalsozialisten verfolgten ihn wegen seiner Homosexualität, zerstörten seine berufliche Existenz und inhaftierten ihn mehrfach. Schließlich wurde er in das KZ Sachsenhausen verschleppt, wo er im Juli 1942 im Rahmen einer gezielten Mordaktion gegen homosexuelle Häftlinge im Klinkerwerk ermordet wurde.

(dieser Text ist auch im Audio-Clip zu hören)

Fritz Heilscher entstammte einer Arbeiterfamilie und begann seine berufliche Laufbahn mit einer kaufmännischen Lehre. Doch 1920 entschied er sich für einen beruflichen Neuanfang und begann eine Tanzausbildung am Deutschen Opernhaus in Berlin, an dessen Stelle heute die Deutsche Oper Berlin steht. 1922 wurde er Mitglied des „Petz-Kainer-Balletts“ und legte sich den Künstlernamen Ferry Dworak zu.

1923 begann Heilscher seine professionelle Karriere als Solotänzer am Opernhaus in Breslau. Von 1926 bis 1930 war er Ballettmeister am Städtischen Theater in Chemnitz, 1931 Solotänzer am Stadttheater Dortmund. 1932 wechselte er als Choreograf ans Badische Landestheater Karlsruhe, wo er mit eigenen Choreografien hervortrat. Bemerkenswert ist, dass er trotz eines ersten Strafverfahrens wegen homosexueller Beziehungen weiterhin am Theater beschäftigt wurde.

1933, im Jahr der nationalsozialistischen Machtübernahme, nahm Heilscher eine Anstellung als Ballettmeister am Schlesischen Oberlandestheater in Beuthen, dem heutigen Bytom in Polen, an. Es sollte seine letzte Anstellung in der Theaterwelt sein.

Die Verfolgung homosexueller Männer, die bereits in der Weimarer Republik auf Grundlage des Paragrafen 175 stattfand, verschärfte sich unter dem NS-Regime dramatisch. Fritz Heilscher wurde zum Opfer dieser zunehmenden Repression.

Im April 1935 verurteilte ihn das Landgericht Beuthen wegen homosexueller Beziehungen zu zwei Jahren Gefängnis. Die Folgen waren schwerwiegend: Er verlor seine Anstellung am Theater, wurde aus dem Künstlerverband ausgeschlossen und erhielt damit faktisch Berufsverbot. Seine Karriere als Tänzer und Choreograf endete abrupt. Nach seiner Entlassung 1937 kehrte Heilscher nach Berlin zurück.

Trotz der schwierigen Umstände gelang es ihm, eine neue Existenz aufzubauen. Er fand eine Anstellung bei Helene Bähr in ihrem Spezialhaus für Reitstiefel in der Leipziger Straße 54. Doch seine relative Sicherheit währte nicht lange. Ende 1941 wurde er wegen einer erneuten Liebesaffäre verhaftet und zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Seine Arbeitgeberin setzte sich mit einem Empfehlungsschreiben für ihn ein, jedoch ohne Erfolg.

Nach Verbüßung seiner Haftstrafe wurde Heilscher nicht freigelassen, sondern der Kriminalpolizei übergeben, die seine Einweisung in das KZ Sachsenhausen veranlasste. Bereits am 12. Juli 1940 hatte Heinrich Himmler angeordnet, homosexuelle Männer, die angeblich mehr als einen Partner „verführt“ hatten, nach ihrer Haft in sogenannte „polizeiliche Vorbeugehaft“ zu nehmen. Damit wurde die Verschleppung verurteilter Homosexueller in Konzentrationslager systematisiert. In Sachsenhausen erhielt Heilscher den Rosa Winkel auf seiner Häftlingskleidung und die Häftlingsnummer 42315.

Am 21. Juli 1942 wurde Fritz Heilscher im KZ Sachsenhausen ermordet, nur zwei Monate nach seiner Einlieferung. Er fiel einer gezielten Mordaktion gegen homosexuelle Häftlinge im Klinkerwerk des Lagers zum Opfer.

Das Klinkerwerk war ein berüchtigtes Außenlager des KZ Sachsenhausen, in dem Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten. Viele starben durch Erschöpfung, Unterernährung und Misshandlungen. Im Sommer 1942 ermordete die SS dort gezielt homosexuelle Häftlinge, unter anderem durch inszenierte Unfälle und Erschießungen bei angeblichen Fluchtversuchen. Diese Mordaktion verdeutlicht die systematische Brutalität der nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung.

Das Schicksal von Fritz Heilscher geriet nach dem Krieg zunächst in Vergessenheit. Die Verfolgung Homosexueller während des Nationalsozialismus wurde lange nicht als Teil der NS-Verbrechen anerkannt, und die Opfer blieben häufig stigmatisiert.

Erst Jahrzehnte später entwickelte sich eine aktive Erinnerungskultur für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus. Am 12. September 2003 wurde in der Rosenthaler Vorstadt in Berlin ein Stolperstein für Fritz Heilscher verlegt. Er erinnert an ihn vor seinem letzten Wohnort in der Strelitzer Straße 58 im Stadtteil Mitte. Auch in der Gedenkstätte Sachsenhausen wird seines Lebens und der nationalsozialistischen Verfolgung gedacht. Dort informiert eine Gedenktafel an der Lagermauer bei der „Station Z“ über sein Schicksal.

 

Brief der Arbeitgeberin von Fritz Heilscher an die Berliner Justiz Berlin

30. Oktober 1941 / Berlin

Herr Fritz Heilscher, geb. 2.10.98 zu Berlin, zuletzt wohnhaft Berlin N 4, Strelitzer Str. 58 war bei mir in der Zeit vom 5.10.1939 bis zu seiner Festnahme am 18.8.41 beschäftigt. Seine besondere Auffassungsgabe und geistigen Fähigkeiten haben es gestattet ihn schon nach kurzer Zelt in meinen kaufmännischen Abteilungen mit Angestelltenarbeiten zu vertrauen, obwohl er ursprünglich als Hausdiener eingestellt wurde. Er hat sich gleich bei seiner Einstellung dem Unterzeichneten wegen seines Vorlebens offenbart. Seine Führung war in jeder Beziehung einwandfrei, insbesondere sein sittliches Verhalten den übrigen Gefolgschaftsmitgliedern (ca. 6o) absolut korrekt und habe ich niemals Grund gehabt ihn irgendwie auch in Hinblick auf seine besondere Veranlagung, die mir durch ihn bekannt wer, zu ermahnen. Seine Führung war derartig, dass ich ihn sogar mit Aufgaben besonderen Vertrauens beauftragen konnte. Auch bei diesen Aufgaben hat er mich niemals enttäuscht.

Ich bedaure aufs lebhafteste, dass seine krankhafte Veranlagung ihn nach so langer Zeit wieder zu einem Vergehen verleitet hat. Ich würde ihn jederzeit wieder bei mir einstellen.

Helene Bähr,

30.10.1941, Spezialhaus für Reitstiefel, Leipziger Straße 54

Quelle: Landesarchiv Berlin

Weitere Orte mit Fritz Heilscher:

121 - Gedenkort für homosexuelle Opfer, Gedenkstätte Sachsenhausen

122 - Infotafel Homosexuellenverfolgung, Gedenkstätte Sachsenhausen

die Beiträge #121/122 sind noch in Erstellung

Bildergalerie Fritz Heilscher

Weitere Orte & Audio-Beiträge

Hinweis zu den Begrifflichkeiten:

Die in den Texten verwenden Begriffe entsprechen zu weiten Teilen denen, die zur Zeit der queeren Held*innen üblich waren, so zum Beispiel das Wort „Transvestit“, welches von einigen Personen auch als Selbstbezeichnung gewählt wurde. Dies würden wir heute viel differenzierter ausdrücken, unter anderem als Trans*, Crossdresser, Dragking, Dragqueen, gender-nonkonform oder nicht-binär. Sofern möglich, werden die Bezeichnungen benutzt, die eine betreffende Persönlichkeit (vermutlich) für sich selbst gewählt hat. Jedoch wissen wir teilweise nicht, wie sich historische Personen selbst benannt haben oder wie sie sich mit dem heutigen Wortschatz beschreiben würden.

Zudem wird auch das Wort „queer“ verwendet, welches zur Zeit der meisten beschriebenen queeren Held*innen noch gar nicht existierte. Dennoch ist es heute das passendste Wort, um inklusiv all die zu bezeichnen, die nicht der heterosexuellen Cis-Mehrheit entsprechen.

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