Gertrude Sandmann (1893-1981)

45 - Gedenktafel Gertrude Sandmann, Wohnort 1945-1981

Eisenacher Str. 89, Berlin-Schöneberg

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Gertrude Sandmann war eine jüdische Berliner Künstlerin, Illustratorin für Modezeitschriften und offen lesbische Frau. 1942 täuschte sie ihren Selbstmord vor, um der Deportation zu entgehen, und überlebte drei Jahre im Untergrund – ermöglicht durch das mutige Netzwerk ihrer Lebensgefährtin Hedwig „Johnny“ Koslowski. Im Alter von 81 Jahren wurde sie Mitbegründerin der Lesbengruppe L 74 und kämpfte bis zuletzt für die Sichtbarkeit lesbischer Frauen.

(dieser Text ist auch im Audio-Clip zu hören)

Gertrude Sandmann wurde am 16. Oktober 1893 in Berlin-Tiergarten, Am Karlsbad 11 in eine wohlhabende jüdische Kaufmannsfamilie hineingeboren. Schon als junge Frau wusste sie, dass sie Künstlerin werden wollte. Doch die Hochschule der Akademie der Künste nahm damals keine Frauen auf. Der bereits 1867 gegründete „Verein Berliner Künstlerinnen“ ermöglichte Frauen eine künstlerische Ausbildung. Dort lernten auch Käthe Kollwitz und Paula Modersohn-Becker – und ab 1913 auch Gertrude Sandmann. 1917 lernte sie in München bei Otto Kopp, 1922 wurde sie Privatschülerin von Käthe Kollwitz, die sie als „sehr ernsthaft arbeitende, beachtenswerte Künstlerin“ beschrieb. Zwischen den beiden entstand eine lebenslange Freundschaft.

In den Zwanzigerjahren stellte Gertrude Sandmann in Berlin aus und illustrierte Modezeitschriften. Sie war Teil jener aufregenden Berliner Kunstszene, zu der auch Jeanne Mammen und Hannah Höch gehörten. Sie wurde Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) und lebte offen als lesbische Frau. Das war selbst im vergleichsweise liberalen Berlin der Weimarer Republik alles andere als einfach. Sie besuchte die Clubs und Vereine der homosexuellen Szene, wie den Toppkeller und das Eldorado. Über die Wichtigkeit dieser Orte sagte sie: „Es war ein großes befreiendes Erlebnis zu sehen, dass wirklich so viele andere Frauen ebenso sind wie man selbst. Man kam in den Club wie ‚nach Hause‘, da gehörte man hin.“ Ihr väterliches Erbe ermöglichte ihr wirtschaftliche Freiheit sowie Aufenthalte in Paris, Florenz und Ascona.

1927 begann die Beziehung mit Hedwig Koslowski, genannt „Johnny“, einer nichtjüdischen Kunstgewerblerin. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten brach ihre Welt zusammen. 1934 wurde sie wegen „nichtarischer“ Abstammung aus dem Reichsverband bildender Künstler ausgeschlossen, 1935 erhielt sie Berufsverbot. Sie durfte nicht mehr ausstellen, nicht unterrichten, nicht veröffentlichen. Ein Ausreisevisum ließ sie ungenutzt, weil sie ihre kranke Mutter nicht allein lassen wollte. Als die Mutter starb, war das Visum abgelaufen.

Am 21. November 1942 kam der Deportationsbefehl. Gertrude Sandmann traf eine Entscheidung, die ihr das Leben rettete: Sie hinterließ der Gestapo einen Abschiedsbrief, in dem sie ihren Selbstmord ankündigte – und tauchte unter. Alles musste sie zurücklassen, auch ihre Lebensmittelkarten, damit die Täuschung glaubwürdig wirkte. Ihre Bilder hatte sie vorher in Sicherheit gebracht. Es war Johnny, die das Netzwerk der Rettung organisierte; auch Kitty Kuse half mit. Freundinnen versteckten Gertrude in verschiedenen Wohnungen, die Familie Grossmann nahm sie in Berlin-Treptow auf, wo sie sich lange in einer Kammer versteckt hielt. 1944 floh sie in eine Laube in Biesdorf und zuletzt in Johnnys Atelier. Drei Jahre lebte sie eingeschlossen, in ständiger Angst. „Finden sie mich oder finden sie mich nicht“ – diese bange Frage begleitete sie jeden Tag, bis der Krieg endlich vorbei war. Bei ihrer Befreiung wog sie nur noch 35 Kilo, ausgezehrt vom Krieg und dem Leben als „U-Boot“. Hedwig Koslowski und die Familie Grossmann wurden 2017 von Yad Vashem postum als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.

Nach dem Krieg begann sie wieder zu arbeiten und auszustellen. Am Ende umfasste ihr Werk über 9.000 Arbeiten. Sie malte mit Vorliebe Frauen – Akte, Porträts, intime Szenen. „Ich habe eine tief verwurzelte Solidarität zu allen Frauen“, schrieb sie in ihrem Tagebuch. Häufig arbeitete sie mit Kohle und Kreide. In ihrem künstlerischen Ausdruck war die Form wichtiger als die Farbe, oft genügten wenige kraftvolle Striche. Die große Anerkennung blieb in der Nachkriegszeit jedoch aus. Sie lebte ab 1945 in einer kleinen Atelierwohnung in der Eisenacher Straße in Schöneberg. Ab 1956 teilte sie ihr Leben mit der Zirkusartistin Tamara Streck.

Im Alter von 81 Jahren wurde Gertrude Sandmann noch einmal aktiv, und sie schloss sich der sich formierenden Frauen- und Lesbenbewegung an. Sie wurde mit Kitty Kuse Mitbegründerin der Gruppe L 74 – „Lesbos 1974“ –, einer der ersten Nachkriegsorganisationen für lesbische Frauen. Für deren Zeitschrift „Unsere kleine Zeitung“ gestaltete sie das Titelbild mit ihrer Zeichnung „Die Liebenden“. Sie bezeichnete sich selbst glücklich als „Lesbierin“ und kämpfte dafür, dass lesbische Frauen sichtbar wurden.

Gertrude Sandmann starb am 6. Januar 1981 in Berlin. Ihre Urne wurde im Grab von Tamara Streck auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof beigesetzt. Das Grab existiert nicht mehr, aber seit 2013 erinnert ein Gedenkstein mit der Silhouette zweier sich küssender Frauen an die beiden. An ihrem Wohnort in der Eisenacher Straße 89 befindet sich eine Gedenktafel mit Fotos und Abbildungen ihrer Werke.

Bildergalerie Gertrude Sandmann

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Im Projekt wird das Wort „Queer“ verwendet, welches zur Zeit der meisten beschriebenen queeren Held*innen noch gar nicht existierte. Dennoch ist es heute das passendste Wort, um inklusiv alle die zu bezeichnen, die nicht der heterosexuellen-cis-Mehrheit entsprechen

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