Käthe ‚Kitty' Kuse (1904–1999)

52 - Gedenkstein Käthe ‚Kitty' Kuse, Alter St. Matthäus Kirchhof

Kolonnenstr. 24-25, Berlin-Schöneberg

Kitty Kuse wuchs auf der „Roten Insel“ in Schöneberg in einem sozialistisch geprägten Arbeitermilieu auf. Sie liebte Frauen, lebte ihre Beziehungen jedoch überwiegend im Privaten. Während der NS-Zeit hielt sie an ihren Überzeugungen fest, trat keiner NS-Organisation bei und unterstützte die untergetauchte jüdische Malerin Gertrude Sandmann. Solidarität, Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein prägten ihr Leben. In den 1970er-Jahren wurde sie zu einer wichtigen Figur der Westberliner Lesbenbewegung. Sie war Mitgründerin der Gruppe „L 74“ und gab über 15 Jahre lang die Zeitschrift UKZ – Unsere kleine Zeitung heraus – ein bedeutendes Sprachrohr älterer lesbischer Frauen.

(dieser Text ist auch im Audio-Clip zu hören)

Am 17. März 1904 wurde Hedwig Emma Käthe Kuse in Schöneberg geboren – mitten auf der „Roten Insel“. Ihr Vater war Handwerker und SPD-Mitglied, sodass Kitty in einem politisch linken Milieu aufwuchs. Als Jugendliche schloss sie sich einer „Proletarischen Singschar“ an. Jeden Sonntag ging es mit Klampfe und Liederbuch ins Berliner Umland. In dieser Gemeinschaft machte sie ihre ersten gleichgeschlechtlichen Erfahrungen, „im Stroh“, wie sie später freimütig erzählte. Niemand in der Gruppe hatte etwas dagegen. Mit 14 Jahren küsste sie ihre Freundin bei einem Rendezvous im Kleistpark. Mit 18 erklärte sie ihrer Freundin selbstbewusst: „Ja, es ist so. Ich bin homosexuell, und ich liebe dich.“

In den Jahren der Weimarer Republik war Berlin ein Ort außergewöhnlicher Freiheit für homosexuelle Frauen und Männer. Eine lesbische Subkultur mit eigenen Lokalen und Zeitschriften blühte auf. Doch Kitty fand nie Zugang zu dieser schillernden Szene – sie lebte ihre Liebe im Privaten.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 endete diese Freiheit schlagartig. Kitty trat keiner NS-Organisation bei und war über Jahre arbeitslos, auch wegen ihrer politisch linken Vergangenheit.

Zeitweise erwog sie, offiziell einen männlichen Vornamen anzunehmen – ein Schritt, der sie ins Visier der Behörden gebracht hätte. Ein Arzt am Institut für Sexualwissenschaft riet ihr davon ab und warnte sie davor, bei den Nazis aktenkundig zu werden.

In diesen dunklen Jahren bewies Kitty Kuse großen Mut: Sie gehörte zu einem Netzwerk, das der verfolgten jüdischen Malerin Gertrude Sandmann beim Überleben im Untergrund half. Sandmann hatte 1942 ihren Selbstmord vorgetäuscht, um der Deportation zu entgehen. Kitty brachte der Untergetauchten regelmäßig Lebensmittel quer durch Berlin.

Nach dem Krieg holte Kitty Kuse in Ost-Berlin ihr Abitur nach und studierte Wirtschaftswissenschaften. 1951 erlangte sie an der Humboldt-Universität den Abschluss als Diplom-Wirtschaftlerin. Noch vor dem Mauerbau zog sie mit ihrer Lebensgefährtin und deren zwei Kindern nach West-Berlin – mit nichts als einer Aktentasche als Gepäck. Achtzehn Jahre dauerte diese Beziehung, bis ihre Partnerin sich 1970 überraschend von ihr trennte. Doch aus dem Kummer erwuchs eine Kraft, die Kittys Leben und das vieler anderer Frauen verändern sollte.

Über die „Homosexuelle Aktion Westberlin“ (HAW) und das „Lesbische Aktionszentrum“ (LAZ) kam sie mit der Emanzipationsbewegung der 1970er-Jahre in Kontakt. Diese Gruppen waren jedoch von jungen Frauen geprägt, und ältere Lesben fanden sich darin kaum wieder. Gemeinsam mit anderen Frauen und unterstützt von Gertrude Sandmann gründete Kitty deshalb im November 1974 die Gruppe „L 74“ – „L“ für Lesbos, „74“ für das Gründungsjahr. Es war der erste Zusammenschluss älterer lesbischer Frauen in Deutschland nach dem Krieg. Nach jedem Treffen berichtete Kitty der über achtzigjährigen Sandmann ausführlich. Kuse stritt auch mit Berliner Zeitungen, die Anzeigen für die Treffen von L 74 ablehnten, gleichzeitig aber Werbung für „Massagesalons“ zuließen.

Ab Februar 1975 gab sie die Monatszeitschrift *UKZ – Unsere kleine Zeitung* heraus. Die Titelblätter der ersten beiden Jahre zierte Gertrude Sandmanns Zeichnung „Liebende“ – zwei Frauensilhouetten in inniger Umarmung. Mehr als fünfzehn Jahre lang war die UKZ ein wichtiges Organ der Lesbenbewegung. Jeden Brief beantwortete Kitty persönlich, und wenn die Zeitschrift in die roten Zahlen geriet, glich sie das Defizit aus eigener Tasche aus.

Kitty Kuse nahm auch Kontakt zu Charlotte Wolff auf, die als Jüdin vor den Nationalsozialisten ins Londoner Exil geflohen war und dort zu einer bedeutenden Forscherin über frauenliebende Frauen wurde. Dieser Kontakt trug zu Wolffs erstem Berlin-Besuch nach ihrer Vertreibung bei, der sowohl die Berliner Lesbenszene als auch Charlotte Wolff selbst tief berührte. Von 1982 bis 1984 half Kuse bei den Vorbereitungen der wegweisenden Ausstellung „Eldorado – Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850–1950“, aus der später das Schwule Museum hervorging.

Über Kitty Kuse schrieb die Soziologin Ilse Kokula: „Kitty Kuse brachte das Kunststück fertig, mit dem Strom zu schwimmen und doch gegen den Strich zu leben.“ Käthe „Kitty“ Kuse starb am 7. November 1999 in Berlin und wurde auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof beerdigt. Dort erinnern heute Gedenksteine an Kitty Kuse, Gertrude Sandmann und Charlotte Wolff. Der Gedenkstein für Kitty wurde 2016 an ihrem 112. Geburtstag eingeweiht. Seit 2017 trägt eine Grünanlage in Schöneberg den Namen Kitty-Kuse-Platz – auf der „Roten Insel“, wo vor über hundert Jahren ein Mädchen mit einer Klampfe loszog und nie aufhörte, gegen den Strich zu leben.

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Weiterführende Links & Quellen:

  • Artikel „… und da machte ich mich aus dem Staube… Interview mit Käthe Kruse“ von Ilse Kokula in „Jahre des Glücks, Jahre des Leids Gespräche mit älteren lesbischen Frauen“, 1986
  • Dokumentarfilm “Kitty Kuse” von Tille Ganz in Zusammenarbeit mit Christiane von Lengerke, 45 Min, 1985/94 https://www.das-filmportrait.de/
  • Online-Artikel Käthe „Kitty“ Kuse, von Verfasserin: Ilse Kokula, Christiane von Lengerke und  Eva Rieger auf fembio.org
  • Artikel „Zur Erinnerung an Kitty Kuse”, von Christiane von Lengerke in: UKZ 1-2/2000
  • Artikel “Ganz normal anders und engagiert. Kitty Kuse”, von Ilse Kokula in: Bad Women. Luder, Schlampen und Xanthippen, hg. von Bärbel Becker. Berlin 1989, S. 130f

Hinweis zu den Begrifflichkeiten:

Im Projekt wird das Wort „Queer“ verwendet, welches zur Zeit der meisten beschriebenen queeren Held*innen noch gar nicht existierte. Dennoch ist es heute das passendste Wort, um inklusiv alle die zu bezeichnen, die nicht der heterosexuellen-cis-Mehrheit entsprechen

Queere Held*innen ist ein ein Projekt von Rafael Nasemann im Rahmen von Homolulu Berlin – Plattform für queere Geschichte und Erinnerungskultur. Diese Gedenktafel mit QR-Code wurde ermöglich durch die Kooperation mit der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V., Berlin.

Gefördert durch die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung – Stiftung für queere Bewegungen

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