Eva Siewert (1907-1994)
91 - Schule Eva Siewert, Hohenzollern-Lyzeum, heute Otto-von-Guericke-Schule
Eisenzahnstr. 47-48, Berlin-Wilmersdorf
Eva Siewerts Leben war geprägt von Widerstand und nationalsozialistischer Verfolgung als frauenliebende Frau und sogenannte „Halbjüdin“, aber auch von ihrem künstlerischen Schaffen als Essayistin, Chefredakteurin und „Stimme“ von Radio Luxemburg. Ihre Inhaftierung hinderte sie daran, ihrer Lebensgefährtin Alice Carlé weiterhin Schutz zu bieten. Während Eva im Gefängnis saß, wurde Alice 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Den Verlust und die schmerzliche Erinnerung an ihre geliebte Alice verarbeitete Eva nach dem Krieg unter anderem in ihrer Erzählung „Das Orakel“.
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(dieser Text ist auch im Audio-Clip zu hören)
Eva Siewert wurde am 11. Februar 1907 in Breslau geboren und verbrachte den Großteil ihrer Jugend in Berlin. Bis 1923 besuchte sie das Hohenzollern-Lyzeum in Wilmersdorf, die heutige Otto-von-Guericke-Schule.
Nach einem Aufenthalt in Teheran 1930/1931 beeindruckte sie bei Radiovorträgen mit ihrer Stimme, was ihr eine Anstellung bei Radio Luxemburg einbrachte. Von 1932 bis 1938 arbeitete sie dort als dreisprachige Chefsprecherin und Chefredakteurin. Aus Angst vor einem neuen Krieg wollte sie anschließend nach Teheran zurückkehren. Doch die NS-Behörden verweigerten ihr das notwendige Visum. Als Tochter einer jüdischen Mutter galt sie nach den nationalsozialistischen Rassegesetzen als „Mischling ersten Grades“ und erhielt in Deutschland Berufsverbot für Rundfunk und Presse.
Eva Siewert liebte Frauen und lebte ihre Beziehungen trotz gesellschaftlicher Tabus und nationalsozialistischer Repression. Obwohl der Paragraf 175 nur sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, waren auch lesbische Frauen Diskriminierung, staatlicher Willkür und Verfolgung ausgesetzt. Wie Eva ihre Freundin Alice Carlé kennenlernte, ist nicht bekannt. Ab 1938 waren sie ein Paar. Alice übernachtete häufig in Evas Wohnung in der Keithstraße 6 in Berlin-Tiergarten, wo sie sich sicherer fühlte als bei ihrer eigenen Familie. Ihre Beziehung bot beiden Frauen emotionalen Halt in einer zunehmend bedrohlichen Umgebung.
Die wachsende Gefahr führte zu gemeinsamen Ausreiseversuchen, die Eva in ihrer Erzählung „Das Orakel“ beschreibt: „Damals wurde uns klar, dass Bleiben Lebensgefahr bedeutete. Bis zum 9. November 1938 war der Wunsch nach Auswanderung der Wunsch nach Freiheit gewesen. Jetzt wurde er zur Notwendigkeit. Es galt sich zu retten. Wir haben kein Konsulat ausgelassen. Es gab keinen Staat der fünf Erdteile, dem wir unser Anliegen nicht vortrugen. Kein Antragsformular für Einreisevisa, das wir nicht gemeinsam ausfüllten […]. Aber nun war der Krieg da. Lange gefürchtet. Oft prophezeit. Wie sollten wir denn nun noch herauskommen?“
In „Das Orakel“ schildert Eva auch, wie die beiden eine Hellseherin aufsuchten. An Eva gerichtet sagte diese: „Erst kommen Sie weg.“ Dann blickte sie auf Alice: „Dann kommen Sie weg, sehr weit weg.“ Sie machte eine Pause, weil die beiden Freundinnen aufatmeten. Doch dann machte sie ihre Hoffnungen zunichte: „Dann sehen Sie sich nie mehr wieder.“
Im Mai 1941 wurde Eva Siewert erstmals verhaftet, nachdem in privaten Briefen antifaschistische Witze entdeckt worden waren. Nach dem sogenannten Heimtückegesetz wurde sie zu 300 Reichsmark Geldstrafe, ersatzweise zwei Monaten Gefängnis, verurteilt. 1942 wurde sie erneut von zwei Arbeitskolleginnen wegen angeblicher „Wehrkraftzersetzung“ denunziert. Sie soll den Krieg als verloren bezeichnet und antifaschistische Witze erzählt haben. Nach dem Heimtückegesetz erhielt sie neun Monate Gefängnis.
Von März bis Dezember 1943 verbüßte Eva Siewert ihre Strafe im Frauengefängnis Barnimstraße. Trotz ihrer angeschlagenen Gesundheit musste sie Zwangsarbeit leisten, unter anderem für AEG und in der Brotfabrik Aschinger.
Während dieser Zeit besuchte Alice zweimal wöchentlich eine Bäckerei gegenüber dem Gefängnis. Die Frauen versuchten, sich wenigstens aus der Ferne zu sehen. Eva erinnerte sich: „Mehr durfte nicht geschehen. Schon ein Lächeln oder Nicken bedeutete schwerste Gefahr für sie und Kellerstrafe für mich.“
Während Evas Gefängnishaft wurden Alice Carlé und ihre Schwester Charlotte am 27. August 1943 von der Gestapo verhaftet und am 10. September nach Auschwitz deportiert, wo beide ermordet wurden.
In einem Brief an Kurt Hiller schrieb Eva Siewert später, dass sie während ihrer Haft ihre jüdischen Freund*innen nicht mehr schützen konnte: „[…] das kostete mich das Leben bester jüdischer Freunde, die sonst, wenn dicke Luft war, bei mir versteckt wurden, nun meines Schutzes im kritischsten Augenblick entrieten. Aus Auschwitz kam keiner zurück.“
Nach dem Krieg arbeitete Eva wieder als Journalistin in Berlin. In ihrer 1946 veröffentlichten Erzählung „Das Orakel“ setzte sie ihrer Lebensgefährtin Alice ein berührendes literarisches Denkmal. Darin schrieb sie:
„Ich träumte oft, dass Alice an meine Tür klopfte und mich bat, sie zu verstecken, wie wir es verabredet hatten. Immer war sie auf der Flucht. […] Ich schrieb nach Tel Aviv. Dort lebte der Bruder, der Einzige der Familie, der schon 1934 ins Ausland entronnen war. Wir erhielten nie eine Antwort. Es klopfte nie an meiner Tür. Das Orakel hatte sich erfüllt.“
Eva Siewert engagierte sich nach dem Krieg auch für die Rechte homosexueller Menschen. 1947 begann ihr Briefwechsel mit Kurt Hiller, dem expressionistischen Schriftsteller und Aktivisten der Homosexuellenbewegung, der sie als eine der bedeutendsten Essayistinnen der Nachkriegszeit würdigte. Ende 1949 wurde sie als einzige Frau Mitglied des Vorstands der Berliner Ortsgruppe des wiedergegründeten Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK). Bereits 1950 beendete sie diese Zusammenarbeit aufgrund von Meinungsverschiedenheiten.
Ab Mitte der 1950er-Jahre lebte Eva Siewert zurückgezogen in Berlin. Sie träumte von einem Leben im Ausland, insbesondere in Frankreich, konnte sich eine Übersiedlung jedoch nicht leisten. Am 3. Dezember 1994 wurde sie in ihrer Wohnung am Südwestkorso 33 in Berlin-Wilmersdorf tot aufgefunden.
Die Wiederentdeckung der Geschichte von Eva und Alice ist insbesondere dem Historiker Raimund Wolfert zu verdanken. Ab 2018 entstand unter eva-siewert.de ein digitaler Gedenkraum, der an das Leben und die Liebe der beiden Frauen erinnert. Seit 2025 erinnert in der Keithstraße 9 im Fenster der IKK Berlin-Brandenburg ein QR-Code der „Queeren Held*innen“ an Eva Siewert. Im November 2026 folgt ein weiterer QR-Code am Standort des ehemaligen Frauengefängnisses Barnimstraße.
Bildergalerie Eva Siewert





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Weiterführende Links & Quellen:
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- Digitaler Gedenkraum „Wer war Eva Siewert? 1907 – 1994“ von Raimund Wolfert
- Buch „Damals wurde uns klar, dass Bleiben Lebensgefahr bedeutete. Eva Siewert und Alice Carlé, eine Liebe während der Shoah von Raimund Wolfert, Oranna Dimmig und Claudia Schoppmann (Hrsg.), Berlin 2025
- Essay „Das Orakel“ von Eva Siewert aus „Der Weg. Zeitschrift für Fragen des Judentums“, Jg. 1, Nr. 37, 1946, S.5
- Online-Artikel „Eva Siewert (1907-1994) Kurt Hillers „Schwester im Geiste“ – „Wilde Freundschaft für Sie im Herzen meines Hirns“ von Raimund Wolfert
Online-Artikel „Alice Carlé und Eva Siewert: Eine Liebesgeschichte“ von Raimund Wolfert
Hinweis zu den Begrifflichkeiten:
Die in den Texten verwenden Begriffe entsprechen zu weiten Teilen denen, die zur Zeit der queeren Held*innen üblich waren, so zum Beispiel das Wort „Transvestit“, welches von einigen Personen auch als Selbstbezeichnung gewählt wurde. Dies würden wir heute viel differenzierter ausdrücken, unter anderem als Trans*, Crossdresser, Dragking, Dragqueen, gender-nonkonform oder nicht-binär. Sofern möglich, werden die Bezeichnungen benutzt, die eine betreffende Persönlichkeit (vermutlich) für sich selbst gewählt hat. Jedoch wissen wir teilweise nicht, wie sich historische Personen selbst benannt haben oder wie sie sich mit dem heutigen Wortschatz beschreiben würden.
Zudem wird auch das Wort „queer“ verwendet, welches zur Zeit der meisten beschriebenen queeren Held*innen noch gar nicht existierte. Dennoch ist es heute das passendste Wort, um inklusiv all die zu bezeichnen, die nicht der heterosexuellen Cis-Mehrheit entsprechen.
Queere Held*innen ist ein ein Projekt von Rafael Nasemann im Rahmen von Homolulu Berlin – Plattform für queere Geschichte und Erinnerungskultur.
Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf fördert das Projekt in Charlottenburg-Wilmersdorf durch den Kulturbeirat.

Die interaktive Karte wurde mit dem Plugin WP Go Maps erstellt. Herzlichen Dank an WP Go Maps für die kostenlose Bereitstellung der Pro-Lizenz zur Unterstützung dieses gemeinnützigen Projekts.
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