Hilde Radusch (1903-1994)
18 - Ort des Frauengefängnis Barnimstraße, Inhaftierung, Hilde Radusch 1933
heute Verkehrsschule Friedrichshain, Eingang Weinstraße, Berlin-Friedrichshain
Hilde Radusch hatte ein sehr bewegtes und teilweise hartes Leben. Aufgrund ihres kommunistischen Engagements war sie früh beruflichen Nachteilen ausgesetzt, wurde später von den Nationalsozialisten verhaftet und im Frauengefängnis Barnimstraße inhaftiert. Sie leistete Widerstand gegen das NS-Regime und arbeitete zeitweise illegal für die KPD. Wegen ihres lesbischen Lebens und politischer Differenzen geriet sie in der Nachkriegszeit in Konflikt mit der Parteilinie, trat aus der KPD aus und wurde zugleich ausgeschlossen. Später engagierte sie sich für die Rechte und Sichtbarkeit lesbischer Frauen, wurde Mitglied der L’74 und Mitbegründerin des Frauenforschungs-, -bildungs- und Informationszentrums FFBIZ.
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(dieser Text ist auch im Audio-Clip zu hören)
Hilde Radusch wurde 1903 in Altdamm bei Stettin geboren und kam 18-jährig nach Berlin-Schöneberg, um der gesellschaftlich vorgezeichneten Ehe zu entgehen und mit einer Ausbildung zur Kinderhortnerin ein selbstständiges Leben führen zu können. 1922 trat sie dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands bei. Nach ihrer Ausbildung fand sie in ihrem erlernten Beruf keine dauerhafte Anstellung; spätere biografische Darstellungen bringen dies mit ihrem kommunistischen Engagement in Verbindung. So wurde sie Telefonistin bei der Reichspost, wo sie politisch und gewerkschaftlich aktiv wurde. Als Betriebsrätin vertrat sie Kolleginnen unter anderem vor dem Arbeitsgericht. Bei der Post lernte sie ihre erste Freundin Maria kennen, mit der sie bis 1933 zusammenblieb. Gemeinsam besuchten sie Berliner Lesbenlokale wie den Toppkeller.
Über ihre Abende im Toppkeller in der Schwerinstraße 13 berichtete Hilde Radusch Jahrzehnte später und erinnerte sich an den „Wäschetanz“: „Die Röcke damals waren ja ziemlich lang, und darunter waren die Unterröcke mit Spitzen. Es wurde also getanzt, man durfte den Rock so ein bisschen anheben, und das war furchtbar sexy. Dann kam die Polonaise, bei der man über die Stühle klettern musste, die an der Kellerwand standen, um endlich zu dem ersehnten Küsschen zu kommen. Das war so aufregend, dass Frauen aus allen Klassen dahin kamen, auch Schauspielerinnen. Immer war es voll, und freitags kam man kaum noch rein.“
Da Frauen im Roten Frontkämpferbund nicht gleichberechtigt organisiert waren, wirkte Hilde Radusch am Aufbau des Roten Frauen- und Mädchenbundes mit und übernahm dort führende Funktionen. Den Höhepunkt ihrer frühen politischen Karriere bildete ihre Tätigkeit als KPD-Stadtverordnete in Berlin von 1929 bis 1932. 1932 stellte die Partei sie nicht erneut zur Wahl auf. Dabei dürften neben innerparteilichen Konflikten auch ihre selbstbewusste und offen lesbische Lebensweise eine Rolle gespielt haben. Anschließend reiste sie auf Einladung in die Sowjetunion. Als sie 1933 nach Deutschland zurückkehrte, hatten die Nationalsozialisten bereits die Macht übernommen. Im April 1933 wurde sie wegen ihrer kommunistischen Tätigkeit verhaftet und bis September als „Politische“ in sogenannter Schutzhaft im Frauengefängnis Barnimstraße festgehalten. Nach ihrer Entlassung beteiligte sie sich zeitweise weiterhin an illegaler Arbeit für die verbotene KPD.
1939 lernte sie ihre spätere Lebensgefährtin Else Klopsch, genannt „Eddy“, kennen. Eddy eröffnete in Berlin-Mitte den Mittagstisch „Lothringer Küche“, bei dem Hilde Radusch sie unterstützte. Entgegen den antisemitischen Vorschriften wurden dort auch Jüdinnen und Juden sowie andere Verfolgte mit Essen versorgt. Die beiden besaßen außerdem ein Laubengrundstück, das zeitweise als Versteck für Verfolgte diente.
Im August 1944 tauchten Hilde Radusch und Eddy in ihrer Laube bei Königs Wusterhausen unter, nachdem Radusch vor einer bevorstehenden Verhaftungsaktion gegen ehemalige politische Funktionäre gewarnt worden war. Ohne reguläre Lebensmittelkarten lebten sie dort bis zum Kriegsende unter schwierigen Bedingungen und litten zeitweise schweren Hunger.
Nach Kriegsende arbeitete Hilde Radusch bis Februar 1946 als Büroleiterin für das Bezirksamt Schöneberg in der Abteilung „Opfer des Faschismus“ und kümmerte sich unter anderem um die Anerkennung und Unterstützung politisch Verfolgter.
1946 geriet Hilde Radusch zunehmend in Konflikt mit der KPD, für die sie während der NS-Zeit unter erheblichem persönlichen Risiko tätig gewesen war. Dabei spielten politische Differenzen und ihre Beziehung zu Eddy Klopsch eine Rolle. Radusch erklärte im Januar 1946 ihren Austritt aus der Partei und wurde zugleich von der KPD ausgeschlossen. Kurz darauf verlor sie ihre Stellung beim Bezirksamt. Zudem war sie mit Parteifunktionären in Konflikt geraten, weil sie sich weigerte, KPD-Mitglieder bei der Verteilung von Hilfen zu bevorzugen. Ihre lesbische Lebensweise wurde zusätzlich gegen sie verwendet. Sie verlor damit Arbeit, Einkommen und ihre bisherige politische Heimat.
Es folgten Jahre der Diskriminierung und wirtschaftlichen Unsicherheit mit Arbeitslosigkeit und wechselnden Anstellungen. Eddys Trödelladen sorgte zeitweise für ein geringes gemeinsames Einkommen. Nach Eddys Tod 1960 wurde es zunächst ruhiger um Hilde Radusch, bis sie sich in den 1970er-Jahren erneut politisch engagierte und Anschluss an die entstehende Lesben- und Frauenbewegung fand.
Ein wichtiger Impuls war 1974 der Fernsehfilm „Und wir nehmen uns unser Recht! Lesbierinnen in Deutschland“ über Frauen aus dem Umfeld der Homosexuellen Aktion Westberlin. Radusch nahm daraufhin Kontakt zu jüngeren Aktivistinnen auf und schrieb: „Ich sah Sie im Fernsehen und möchte Ihnen meine guten Dienste anbieten. Ich habe je 8 Jahre, 2 Jahre und 21 Jahre mit einer Frau zusammengelebt und halte mich auf diesem Gebiet für kompetent. Was ich Ihnen allerdings nützen kann, weiß ich nicht, denn ich bin 70 Jahre alt. Aber, unsere Leut’ liegen mir am Herzen.“
Sie engagierte sich anschließend in der L’74, einer West-Berliner Gruppe älterer lesbischer Frauen, und gehörte zur Redaktion der UKZ – Unsere kleine Zeitung, einer der ersten Lesbenzeitschriften der Bundesrepublik nach 1945. Dokumentation, die Bewahrung lesbischer Geschichte und der Zugang zu Wissen waren ihr besonders wichtig. 1978 gehörte sie deshalb auch zu den Mitbegründerinnen des Frauenforschungs-, -bildungs- und Informationszentrums FFBIZ, das heute ihren Nachlass bewahrt.
Sie lebte ein Leben abseits gesellschaftlicher Konventionen und engagierte sich immer wieder für andere Menschen – nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch. Dafür nahm sie Rückschläge, Diskriminierung und persönlichen Verzicht in Kauf.
1994 starb Hilde Radusch im Alter von 90 Jahren in Berlin-Schöneberg und wurde auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof beigesetzt. Seit 2016 wird ihr Grab als Ehrengrab des Landes Berlin gepflegt.
An ihrem letzten Wohnort in der Eisenacher Straße 14 wurde 2012 der Gedenkort Hilde Radusch eingeweiht. Initiiert wurde er von Miss Marples Schwestern – Netzwerk zur Frauengeschichte vor Ort; gestaltet wurde die Anlage von den Künstlerinnen Roswitha Baumeister und Anita Meier.
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Weiterführende Links & Quellen:
- Online-Artikel „Hilde Radusch“ von Ilona Scheidle:
- Online-Artikel „Hilde Radusch (1903-1994)“ von Claudia Schoppmann, 2005, Berlin:
- Online-Artikel „Hilde Radusch“ von Annika Viebig
- Buch „Zeit der Maskierung. Lebensgeschichten lesbischer Frauen im Dritten Reich“ von Claudia Schoppmann, Orlanda Frauenverlag, 1993, Berlin
- TV-Film „Muss es denn gleich beides sein? Aus dem Leben einer Aufsässigen“, von Petra Haffter und Pieke Biermann, BRD, 1985 verfügbar im FFBIZ Archiv Berlin oder im Berliner „Spinnboden Lesbenarchiv“
- Artikel „Lesbische Subkultur im Regenbogenkiez“ von Katja Koblitz im Buch „Spurensuche im Regenbogenkiez – Historische Orte und schillernde Persönlichkeiten“, Maneo-Kiezgeschichte Band 2, Berlin, 2018
Hinweis zu den Begrifflichkeiten:
Die in den Texten verwenden Begriffe entsprechen zu weiten Teilen denen, die zur Zeit der queeren Held*innen üblich waren, so zum Beispiel das Wort „Transvestit“, welches von einigen Personen auch als Selbstbezeichnung gewählt wurde. Dies würden wir heute viel differenzierter ausdrücken, unter anderem als Trans*, Crossdresser, Dragking, Dragqueen, gender-nonkonform oder nicht-binär. Sofern möglich, werden die Bezeichnungen benutzt, die eine betreffende Persönlichkeit (vermutlich) für sich selbst gewählt hat. Jedoch wissen wir teilweise nicht, wie sich historische Personen selbst benannt haben oder wie sie sich mit dem heutigen Wortschatz beschreiben würden.
Zudem wird auch das Wort „queer“ verwendet, welches zur Zeit der meisten beschriebenen queeren Held*innen noch gar nicht existierte. Dennoch ist es heute das passendste Wort, um inklusiv all die zu bezeichnen, die nicht der heterosexuellen Cis-Mehrheit entsprechen.
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