Gad Beck (1923-2012) & Manfred Lewin (1922-1942)

8 - Jüdische Schule für Jungen & Mädchen, Gads Schule ab 1934-36, 1942 Sammellager und Ort des Abschieds von Gad und Manfred

heute Jüdisches Gymnasium Moses Mendelssohn, Große Hamburger Str. 27, Berlin-Mitte

Gad Beck und Manfred Lewin waren ein junges jüdisches Liebespaar im nationalsozialistischen Berlin, deren Beziehung in Lebensgefahr stand, als Gad 1942 eine waghalsige Befreiungsaktion aus einem Sammellager wagte, Manfred sich aus Solidarität mit seiner Familie jedoch entschied, zur Familie zurückzukehren. Kurz darauf wurde die Familie nach Auschwitz deportiert und ermordet. Gad Beck wurde zum entschlossenen Widerstandskämpfer, indem er in Berlin lebende Jüd*innen mit falschen Papieren, Geld, Lebensmitteln und Verstecken versorgte und ihnen zur Flucht verhalf. Er überlebte den Krieg, ging nach Palästina und kehrte 1979 nach Berlin zurück.

(dieser Text ist auch im Audio-Clip zu hören)

Manfred Lewin wurde am 8. September 1922 in Berlin in eine jüdische Familie, die im Berliner Alltag fest verwurzelt war, geboren. Er war das zweitälteste Kind der Sekretärin Jenny Lewin (geb. Coeln) und des Friseurs Arthur Lewin. Mit seinen Eltern, seinem zwei Jahre älteren Bruder Siegfried und den jüngeren Geschwistern Rudolf, Cäcilie und Gerd wohnte er in der Witzenhauser Straße 57b in Hohenschönhausen. In 1936 wurde der Umzug der Familie in die Dragoner Straße 43 (heute Max-Beer-Straße 38) erzwungen, wo sie in der dritten Etage in drei kleinen Zimmer bis zur Deportation lebten.

Gad Beck wurde 1923 als Gerhard Beck in der Prenzlauer Str. 46, heute Karl-Liebknecht-Str. 32 in Berlin-Mitte als Sohn eines jüdischen Vaters aus einer religiösen Familie aus Wien und einer christlichen Mutter geboren. Die Mutter konvertierte, um den Vater heiraten zu können. Die beiden Familien wollten zunächst die Mischehe nicht akzeptieren, jedoch änderten sie im Laufe der Zeit ihre Haltung. Die christliche Berliner Familie wurde in den kommenden schwierigen Zeiten eine starke und tatkräftige Unterstützung. Gad wuchs in einer Familie auf, in der sowohl jüdische Feste wie Chanukka zu Hause als auch christliches Weihnachten bei der Großmutter eine Rolle spielten.

Die Familie lebte ab Mitte der 1920er Jahre in Weissensee in der Woelckpromenade 6, als sich ab 1933 das Leben von Gad zu verändern begann. Seine Schule, das Weißenseer Reform-Realgymnasium, wurde 1933 nach einem gefallenen Nazi in Günther-Roß-Oberschule umbenannt. Heute ist es das Primo-Levi-Gymnasium. Beim Fahnenappell mussten Gad und die anderen jüdischen Kinder nun abseits stehen, wurden gemobbt und ausgegrenzt. Gad fühlte sich hier nicht mehr wohl und nötigte seine Eltern, ihn auf das jüdische Gymnasium, heute das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn in der Großen Hamburger Straße in Mitte zu schicken.

Schon früh als Jugendlicher erkannte er sein sexuelles Interesse an Jungs. Nach seiner ersten homoerotischen Erfahrung als 12-Jähriger sprach er mit der Mutter offen darüber, die darauf sagte: „Das hab ich mir schon gedacht“. Seine Homosexualität musste er nun zu Hause nicht verheimlichen.

Die zunehmende antisemitische Verfolgung ab 1933 sorgte dafür, dass Gad sich mehr für seine jüdische Herkunft interessierte. Auch weil andere Aktivitäten für Juden verboten waren, engagierte er sich in der jüdisch-zionistischen pfadfinder-ähnlichen Jugendgruppe „Hechaluz“, die sein jüdisches Selbstbewusstsein stärkte und auf eine mögliche Auswanderung nach Palästina vorbereitete. Er begann, den hebräischen Namen „Gad“ zu verwenden, der später zu seinem festen Namen wurde.

Bei Hechaluz lernte Gad 1941 auch Manfred Lewin kennen, sie verliebten sich bei Theaterproben zu Don Carlos ineinander. Gad erinnerte sich später: „Unsere Liebe war so stark, die Nächte gehörten uns“. Manfred schenkte Gad ein kleines Heftchen, wo er schrieb: „Und enger wurde unser Band, als Carlos überall Gefallen fand“. Die beiden verbrachten viele Nächte miteinander, oft in der engen Wohnung der Familie Lewin, wo Übernachtungsgäste wegen der nächtlichen Ausgangssperren für Juden nichts Ungewöhnliches waren. Besonders schön empfanden sie Nächte, in denen sie in Häusern Feuerwache halten mussten. So erlebten die beiden zweisame Stunden voller Liebe und Leidenschaft. In dem Heftchen schreibt Manfred vieldeutig: „Nicht allein zum Schlafen ist die Nacht, darum mein Lieber haben wir schon viel gewacht“.

Im Herbst 1941 begannen die Deportationen der Juden nach Osten. Die jüdische Gemeinde gab die Parole aus, dass Familien nicht getrennt werden sollen, was sich für manche als fataler Ratschlag herausstellen sollte. Einige Mitglieder des Hechaluz, darunter Gad, tauchten später unter, da ihnen die unklaren Aussichten auf angebliche Arbeitsstellen in Polen suspekt vorkamen.

Manfred leistete Zwangsarbeit in einem Malerbetrieb. 1942 erhielt die Familie Lewin die Anordnung zur Deportation. Gad, der durch seine „Mischehe“-Herkunft vorerst besser geschützt war, wurde von Manfreds Arbeitgeber zu einem waghalsigen Rettungsversuch animiert. Der Malermeister borgte ihm eine Hitlerjugend-Uniform, Gad ging in das Sammellager, das sich in seiner ehemaligen Schule befand. Er behauptete gegenüber dem SS-Obersturmbannführer, Manfred sei ein Saboteur, der Schlüssel zu Häusern der Kunden besitze. Tatsächlich gelang es ihm, mit Manfred aus der ehemaligen Schule hinauszugehen. Im Interview sagt Gad: „Und wir beide gehen aus diesem Tor, sind in der Großen Hamburger, gehen in Richtung Hackeschen Markt bis zu einem, so einem Kanaldeckel, der ist heute noch da. Derselbe! Ich hatte ihm zwanzig Mark gegeben und sagte: ‚Du fährst jetzt sofort zum Onkel Bobby. Du weißt, ich komme dann später, wir machen weiter.‘ Er hat sie genommen, die zwanzig Mark. Hat nichts gesagt. […] ‚Nein‘, sagt er, ‚Gad, ich kann nicht mit dir gehen. Meine ganze Familie ist da, und meine ganze Familie ist krank und alt und kaputt. Ich werde nie mich frei fühlen, wenn ich mich jetzt von denen wegschleiche.‘ Hat sich umgedreht und ist zurückgegangen….“

Zusammen mit seiner Mutter Jenny, seinem Vater Arthur, seiner 14-jährigen Schwester Cäcilie und seinem zwölfjährigen Bruder Gerd wurde Manfred am 29. November 1942 nach Auschwitz deportiert und dort im Alter von 20 Jahren ermordet. Seine beiden älteren Brüder Rudolf und Siegfried wurden im Februar 1943 ebenfalls nach Auschwitz deportiert. Niemand aus der Familie Lewin überlebte die Shoah.

Der Verlust seines Geliebten verstärkte bei Gad den Entschluss, aktiven Widerstand zu leisten. Er wurde zu einer führenden Figur der jüdischen Widerstandsgruppe „Chug Chaluzi“ (Kreis der Pioniere),  Die Gruppe traf sich in verschiedenen Wohnungen wie auch bei der Familie Lewin, aber häufig auch im Hauptquartier in der Utrechter Straße (heute Groninger Str.) in Wedding. Hier lebte Gad im Versteck mit seinem Freund Zwi Aviram. Von hier aus wurden ab 1943 versteckt lebende Jüd*innen mit falschen Papieren, Geld, Lebensmitteln und Verstecken versorgt und zum Teil bei der Flucht in die Schweiz unterstützt. Auch Hans Rosenthal wurde unterstützt, der später mit „Dalli Dalli“ große Erfolge feierte. Gad Beck nutzte seine Kontakte und Fähigkeiten, mit Menschen aus unterschiedlichen Milieus in Beziehung zu treten und die zu identifizieren, die ihr Herz am richtigen Fleck haben: von christlichen Unterstützer*innen, Soldaten auf Heimaturlaub, Sexarbeiterinnen oder Gestapo-Beamten.

In allen Umgebungen, in die er teilweise gezwungen wurde, suchte er Männer, die ihm gefielen. Er wählte sich einen aus und umgarnte ihn. So hatte er vor und nach Manfred einige Bekanntschaften und homosexuelle Abenteuer und Beziehungen. Aus der Nähe und Intimität zog er seine positive Lebensenergie. In einem Interview sagte Gad, dass das Schwul-Sein in seinem Leben eine positive Rolle hatte. Es habe ihm die Kraft gegeben für die Zeit des Kampfes.

Am 2. März 1945 tappte die Gruppe um Gad in eine von der Gestapo gestellte Falle. Gad und Zwi wurden im Hauptquartier der Chug Chaluzi festgenommen und im umfunktionierten Jüdischen Krankenhaus inhaftiert. Eine Bombe rettete Gad vor der Deportation nach Sachsenhausen, und so erlebte er das Kriegsende und seine Befreiung im jüdischen Krankenhaus.

Auf wundersame Weise haben Gad, seine Schwester und seine Eltern überlebt, 1947 emigrierte die Familie Beck nach Palästina, Gad kämpfte 1948 im Unabhängigkeitskrieg, studierte Psychologie und arbeitete mehrere Jahre in der Eingliederung vieler Einwanderer in Israel.

1978 kehrte er nach Deutschland zurück, wurde Leiter der Jüdischen Volkshochschule in Berlin und nahm als sichtbarer schwuler Aktivist an CSD-Demonstrationen in Köln, Berlin und New York teil. Er prägte und stärkte jüdisches und queeres Leben in West-Berlin. Sein persönliches Glück hatte Gad über Jahrzehnte mit dem „schönen Julius“ Laufer gefunden.

In den 1990er-Jahren veröffentlichte er seine Autobiografie „Und Gad ging zu David“ und trat international als Zeitzeuge auf. Gad war ein phänomenaler Geschichtenerzähler. Es gibt viele Videomitschnitte, die ihn als sympathischen, gestikulierenden, empathischen und engagierten Menschen zeigen. Viele dieser Szenen sind auch im 2006 veröffentlichten Dokumentarfilm „Die Freiheit des Erzählens – Das Leben des Gad Beck“ enthalten. Gad vermittelt eine Unmittelbarkeit, der man sich nicht entziehen kann.

In Gads Interviews und Aussagen verschwimmen Erinnerung und Ausschmückung, es zeigen sich auch Widersprüche, bis hin zu einem Wegbegleiter, welcher die Abschiedsgeschichte mit Manfred ganz in Frage stellt. Gad hat uns seinen gefilterten Blick auf die Welt vermittelt. Es ist sein Weg nicht Opfer, sondern Herr seiner Geschichte zu sein, die eine positive Erzählung ist.

An Manfred Lewin erinnert seit Mai 2011 ein Stolperstein in der Max-Beer-Str. 38. Im Jahr darauf starb Gad Beck im Alter von 88 Jahren in Berlin. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof Heerstraße im Grunewald beigesetzt.

Bildergalerie Gad Beck & Manfred Lewin

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Hinweis zu den Begrifflichkeiten:

Im Projekt wird das Wort „queer“ verwendet, welches zur Zeit der meisten beschriebenen queeren Held*innen noch gar nicht existierte. Dennoch ist es heute das passendste Wort, um inklusiv all die zu bezeichnen, die nicht der heterosexuellen Cis-Mehrheit entsprechen.

Ein Projekt von Rafael Nasemann angegliedert an die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V., Berlin.

Gefördert durch die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung – Stiftung für queere Bewegungen

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