Erster CSD Berlins (1979)
96 - 1. CSD-Demonstration Berlins, 1979, Zug vom Savignyplatz Richtung Halensee
Park an Savignyplatz, Berlin-Charlottenburg
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Am 30. Juni 1979 zogen rund 400 bis 500 Lesben, Schwule und andere queere Menschen beim ersten Berliner Christopher Street Day vom Savignyplatz über den Ku’damm Richtung Halensee, um gegen den Paragrafen 175 zu protestieren und ihr Leben sichtbar und selbstbewusst öffentlich zu machen. Aus dieser improvisierten, aber entschlossenen Demonstration mit Mottos wie „Mach dein Schwulsein öffentlich!“ und „Lesben, erhebt euch und die Welt erlebt euch!“ entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten die große Berliner Pride-Tradition – und ein neues Gefühl kollektiver queerer Stärke.
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Der erste Christopher Street Day in Berlin beginnt an einem warmen Junitag 1979, doch seine Geschichte reicht weit über diesen Sommer hinaus. Zehn Jahre nach dem Aufstand in der New Yorker Christopher Street, in der Bar Stonewall, holen queere Berliner:innen den Geist dieses Protestes in ihre eigene Stadt, in ein West-Berlin, das noch von Paragraf 175 und der Angst vor Entdeckung geprägt ist. Am 30. Juni 1979 machen sich rund 400 bis 500 Lesben, Schwule und andere queere Menschen vom Savignyplatz aus auf den Weg, die Kantstraße hinunter, über die Joachimsthaler Straße und den Ku’damm entlang Richtung Halensee – eine kurze Strecke, und doch ein weiter Weg aus der Unsichtbarkeit.
Die Initialzündung dazu kommt aus New York. Der Aktivist Andreas Pareik erlebt dort die Vorbereitungen zum zehnten Jahrestag von Stonewall, kehrt aufgewühlt nach Berlin zurück und erzählt von einer gewaltigen Pride-Demonstration, die geplant wird. Zusammen mit Bernd Gaiser und einer kleinen Gruppe aus der Homosexuellen Aktion Westberlin trifft er sich im SchwuZ, damals noch ein junger queerer Treffpunkt in Kreuzberg. An wackeligen Tischen entstehen Flugblätter und ein schlichtes Plakat, es werden Parolen formuliert, eine Route festgelegt, eine Demonstration angemeldet – vieles im Eiltempo, mit wenig Geld, aber mit einem klaren Ziel: raus aus den dunklen Bars, hinein in das helle Straßenlicht.
Die Worte, die auf den Flugblättern stehen, sind deutlich und fordern Mut. „Mach dein Schwulsein öffentlich!“ – dieser Satz richtet sich an schwule Männer, die ihr Begehren meist nur heimlich ausleben können. Für die Frauen lautet die Losung: „Lesben, erhebt euch und die Welt erlebt euch!“ – ein Ruf, der lesbische Unsichtbarkeit und doppelte Diskriminierung in einer männlich dominierten Szene nicht länger hinnehmen will. Die Organisator*innen wollen, dass Lesben und Schwule an diesem Tag nicht nebeneinander, sondern miteinander laufen, auch wenn sie wissen, dass ihre Lebenswelten sich im Alltag oft kaum berühren.
Die politische Realität ist rau. Noch immer steht gleichgeschlechtlicher Sex zwischen Männern unter Strafe, auch wenn der Paragraf 175 zehn Jahre zuvor entschärft wurde. Viele, die sich an diesem Tag auf den Weg machen, kennen Geschichten von Polizeirazzien, von Erpressung und von Entlassungen, wenn jemand am Arbeitsplatz geoutet wird. Auf der Demonstration geht es deshalb nicht nur um das Recht, öffentlich zu lieben, sondern auch um ganz konkrete Forderungen: die ersatzlose Abschaffung des Paragrafen 175, Schutz vor staatlicher Willkür und das Ende der gesellschaftlichen Ächtung.
Trotz dieser Schwere erzählen viele Zeitzeug*innen von einer überraschend fröhlichen, ja befreienden Stimmung. Zum ersten Mal laufen Lesben und Schwule laut, sichtbar und gemeinsam über eine der bekanntesten Straßen der Stadt, mitten durch die City West. An einem Pritschenwagen hängen Lautsprecher, auf der Ladefläche stehen Aktivist*innen mit Megafon, rufen Parolen, verlesen kurze Reden, erklären Passant*innen, warum sie heute hier sind. Einige tragen selbst gebastelte Transparente, andere sind schlicht gekleidet – Jeans, Hemden, Sommerkleider –, gerade so normal, dass klar wird: Queerness ist nicht nur ein nächtliches Szenebild, sie gehört in die Mitte der Stadt.
Der Aufruf zum ersten CSD richtet sich bewusst nicht nur an Lesben und Schwule, sondern an alle, die wegen ihrer Sexualität oder Geschlechtsidentität ausgegrenzt werden. Der Begriff „queer“ im heutigen Sinn ist noch nicht verbreitet, doch die Idee, dass verschiedenste nicht-heterosexuelle Lebensweisen hier ihren Platz haben, schwingt bereits spürbar mit. Gleichzeitig benennen die Organisator*innen die Brüche innerhalb der Bewegung: Auf dem Plakat heißt es sinngemäß, dass die Leben von Lesben und Schwulen sich zu selten berühren, und man hofft, dass viele Lesben kommen werden, auch wenn sie vielleicht ihren eigenen Aufruf formulieren müssen.
Wer heute die Bilder dieses Tages anschaut, sieht keinen perfekt inszenierten Umzug, sondern eher einen zärtlich unbeholfenen Aufbruch: eine vergleichsweise kleine Gruppe, die trotzdem auffällt, weil sie anders auftritt als bisherige politische Demos. Es gibt Humor, Ironie, freche Parolen – aber auch die Verletzlichkeit von Menschen, die wissen, dass ein einziger Fotoabzug ihre Existenz gefährden kann. Und doch entscheiden sie sich dafür, Gesicht zu zeigen, in einer Zeit, in der Coming-out noch ein Wagnis ist, das Familien zerreißen und Biografien aus der Bahn werfen kann.
Im Rückblick wirkt dieser erste Berliner CSD fast bescheiden, wenn man ihn mit den heutigen Massenveranstaltungen mit Hunderttausenden Teilnehmenden vergleicht, die sich über 5,5 Kilometer bis zum Brandenburger Tor ziehen. Aber genau in dieser Kleinheit liegt seine Kraft: Zwischen 400 und 500 Menschen, die den Mut hatten, den ersten Schritt zu tun, legten den Grundstein für eine Tradition, die Berlin später zu einer der wichtigsten Pride-Städte Europas machen sollte. Aus einem improvisierten Demonstrationszug wurde über die Jahre ein Symbol für queeres Leben, das nicht mehr zurück in die Unsichtbarkeit will – und der Geist dieses Sommertages 1979 ist bis heute in jeder Regenbogenfahne spürbar, die beim Berliner CSD durch die Straßen
Bildergalerie Erster CSD Berlins



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Hinweise
Die in den Texten verwenden Begriffe, werden teilweise so verwendet, wie sie zur Zeit der queeren Held*innen üblich waren, wie zum Beispiel das Wort „Transvestit“, welches als Selbstbezeichnung von einigen Personen gewählt wurde. Dies würden wir heute viel differenzierter ausdrücken, unter anderem als Trans*, Crossdresser, Draq King, Draq Queen, Gender-nonkonform oder nicht binär. Sofern möglich, werden die Bezeichnungen gewählt, die die Person für sich (vermutlich) gewählt hatten, jedoch wissen wir teilweise nicht, wie sich die Personen selbst bezeichnet haben oder wie sie sich mit dem heutigen Wortschatz beschreiben würden.
Zudem wird auch das Wort „Queer“ verwendet, welches zur Zeit der meisten beschriebenen queeren Held*innen noch gar nicht existierte. Dennoch ist es heute das passendste Wort, um inklusiv alle die zu bezeichnen, die nicht der heterosexuellen-cis-Mehrheit entsprechen.
Held*innen dürfen aber auch Fehler haben. Aspekte in ihrem Leben, bei dem sie sich auch mal auf dem falschen Weg begaben sind menschlich. Fehler und Wiedersprüche regen dazu an, sich mit ihnen aus heutiger Perspektive auseinanderzusetzen.
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