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Eldorado (1924-1932)

38 - Motzstr. 24 (ehemals 15), 1930-1932, ab Oktober 1932 SA-Lokal

Motzstr. 24, Berlin-Schöneberg

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„Hier ist’s richtig“, heißt es auf den Plakaten des Eldorados, eine geheimnisvolle Devise, die einen Einblick in eine frivole Welt der sexuellen Freiheit und Andersartigkeit verhieß. Das Eldorado war 1930 zweifelsfrei der berühmteste Club der Stadt, dank seiner Travestie-Shows weit über die Grenzen Berlins bekannt. Hier trafen sich Homos und Heteros, Berlinerinnen und Touristinnen.

(dieser Text ist auch im Audio-Clip zu hören)

In der Kantstr. 24 befand sich 1924 das erste Eldorado, ab 1927 wechselte es in die Martin-Luther-Straße 13; einen Häuserblock weiter, in der Motzstraße 15, befand sich ab 1930 eine zweite Niederlassung, besonders anziehend für ein heterosexuelles und touristisches Publikum; hier wurde es zum wildesten Club der Stadt. Während heute jeder Berlinbesuchende zumindest den Namen Berghain kennt und einige nur für den Club anreisen, war in den 1920er-Jahren das Eldorado das Berghain seiner Zeit, the place to be, wofür man nach Berlin anreiste. Im „Führer durch das lasterhafte Berlin“ von 1931 wird es als ein „für die Schaulust inszenierter Transvestitenbetrieb“ bezeichnet, heute würde man wohl Drag Show dazu sagen. Dies entspricht der voyeuristischen Außenperspektive; das Eldorado war aber nicht nur das, sondern auch ein zentraler Ort des queeren Nachtlebens, ein Safe-Space. Das Programm mit schrillen und schrägen Travestieshows und Programmveranstaltungen mit Cabaret und Chansons war zum einen ausgerichtet auf die Unterhaltung einer Zielgruppe, die einen Abstecher in das geheimnisvolle, verruchte Berlin suchte.

Der Führer berichtet: Ein Tanzsaal größeren Stils mit einem äußerst eleganten Publikum. Smokings und Fräcke und große Abendroben – so präsentiert sich die Normalität, die zum Schauen hierher kommt. Die Akteure sind in großer Zahl vorhanden. Grelle Plakate locken schon am Eingang, und Malereien, in denen die Perversität ihrer selbst spottet, schmücken den Gang. Alles ist Kulisse, und nur der ganz Weltfremde glaubt an ihre Echtheit. Selbst die echten Transvestiten, die ihre Abart in den Dienst des Geschäftes stellen, werden hier Komödianten. Zwischen den Tänzen, bei denen auch der Normale sich den pikanten Genuss leisten kann, mit einem weiblichen [effeminierten] Manne in Frauenkleidern zu tanzen, gibt es Varietee-Vorträge [Brettldarbietungen]. Eine männliche Chanteuse singt mit ihrem schrillen Sopran zweideutige Pariser Chansons. Ein ganz mädchenhafter Revuestar tanzt unter dem Scheinwerferlicht weiblich graziös Pirouetten. Er ist nackt bis auf die Brustschilde und einen Schamgurt, und selbst diese Nacktheit ist noch täuschend, sie macht den Zuschauern noch Kopfzerbrechen, sie lässt noch Zweifel, ob Mann, ob Frau.“

Das Eldorado war aber auch ein Ort, an dem sich trans* und gender-nonkonforme Personen ausleben und sie selbst sein konnten. Zum Stammpublikum gehörten auch lesbische Frauen, wie es der Stadtführer „Berlins lesbische Frauen“ zu berichten weiß.

Das Eldorado war vor allen Dingen ein glitzernder Ort sexueller Freiheit, was sich international schnell herumsprach. Die Besuchenden sind besonders neugierig auf die Travestiekünstlerinnen. Wer das erste Mal das Lokal besucht, versucht zu erraten, welche Person mit Schminke und Kleidung und anderen Hilfsmitteln nachgeholfen hat, dem anderen Geschlecht in der Wahrnehmung zu entsprechen. Man konnte Jetons kaufen; diese Tanzmarken gab man den Travestiekünstlerinnen als Bezahlung, wenn man mit ihnen tanzen wollte.

In der queeren Szene war das Eldorado umstritten: Homosexuelle und Transvestiten würden hier vor einem heterosexuellen Publikum zur Schau gestellt, lautete die Kritik unter anderem vom Bund für Menschenrechte. Die gegenteilige Haltung schätzte einen Ort zum Arbeiten und Feiern für queere Menschen.

Ein wohl bekannter Gast war der Sexualforscher Magnus Hirschfeld, der hier unter seinem Alter Ego „Tante Magnesia“ bekannt war. Stammgäste waren zudem Marlene Dietrich, Claire Waldoff, Anita Berber und Ernst Röhm. Im Eingangsbereich hingen Fotos von berühmten Besucher*innen wie Heinrich, Thomas, Erika und Klaus Mann, der Schauspielerin Greta Garbo, Charlie Chaplin und Stummfilmstar Rudolph Valentino. Klaus Mann beschrieb das Eldorado in seinen Memoiren sowie in seinem Roman „Der fromme Tanz“. Der Künstler Otto Dix malte die Gäste. Christopher Isherwoods Eindrücke der Berliner Club-Szenerie sind von Orten wie dem Eldorado geprägt. Sie flossen in das Musical „Cabaret“ ein, das mit Liza Minnelli zum Broadway- und Hollywood-Erfolg wurde. Auch Erich Kästner verkehrte hier. In einem Gedicht, „Ragout fin de siecle“, wird sowohl seine Schaulust als auch seine Abneigung gegenüber den, wie er sagte, „sexualpatologischen Tanzlokalen“ deutlich.

1931 waren Berlin und das Eldorado der liberalste und für queere Menschen der freieste und aufregendste Ort der Welt. Bereits 1932 gerieten schwule und lesbische Clubs in Berlin stark unter Druck, nachdem der neue Polizeipräsident eine „umfassende Kampagne gegen Berlins lasterhaftes Nachtleben“ ankündigte und verfügte, dass alle „Tanzlustbarkeiten homosexueller Art zu unterbleiben haben“. Nach zwischenzeitlicher Schließung im Jahr 1932 kam das endgültige Ende für das Eldorado am 1.3.1933. Von nun an war es ein Lokal der Berliner SA, und die Welt, für die das Eldorado stand, war Vergangenheit. Es sollte sich in den nächsten Jahren zum Schlimmsten entwickeln. So schnell kann es gehen, das sollte uns Mahnung und Warnung sein.

Die queere Szene konnten die Nazis nicht dauerhaft zerstören; hier in der Motzstraße ist das Zentrum des queeren Kiezes, jedes Jahr im Juli findet hier Europas größtes queeres Straßenfest statt.

Bildergalerie Eldorado

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Weiterführende Links & Quellen:

Hinweis zu den Begrifflichkeiten:

Im Projekt wird das Wort „Queer“ verwendet, welches zur Zeit der meisten beschriebenen queeren Held*innen noch gar nicht existierte. Dennoch ist es heute das passendste Wort, um inklusiv alle die zu bezeichnen, die nicht der heterosexuellen-cis-Mehrheit entsprechen

Die in den Texten verwenden Begriffe entsprechen zu weiten Teilen denen, die zur Zeit der queeren Held*innen üblich waren, so zum Beispiel das Wort „Transvestit“, welches von einigen Personen auch als Selbstbezeichnung gewählt wurde. Dies würden wir heute viel differenzierter ausdrücken, unter anderem als Trans*, Crossdresser, Dragking, Dragqueen, gender-nonkonform oder nicht-binär. Sofern möglich, werden die Bezeichnungen benutzt, die eine betreffende Persönlichkeit (vermutlich) für sich selbst gewählt hat. Jedoch wissen wir teilweise nicht, wie sich historische Personen selbst benannt haben oder wie sie sich mit dem heutigen Wortschatz beschreiben würden.

Ein Projekt von Rafael Nasemann angegliedert an die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V., Berlin.

Gefördert durch die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung – Stiftung für queere Bewegungen

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