Charlotte Wolff (1897-1986)

101 - Arbeitsplatz Charlotte Wolff, Anstellung für das praktische Jahr, Rudolf-Virchow-Krankenhaus,

heute Charité Campus Virchow-Klinikum, Augustenburger Platz 1, Berlin-Wedding

Charlotte Wolff war eine jüdische Ärztin, Psychiaterin, Sexualforscherin, Schriftstellerin und offen lesbisch lebende Frau. 1933 musste sie als Jüdin Berlin verlassen. Nach ihrer erzwungenen Emigration lebte sie in Paris und später in London. Dort wurde sie zu einer Pionierin lesbischer und bisexueller Sichtbarkeit. Mit ihren Studien über Liebe zwischen Frauen und Bisexualität prägte sie die queere Geschichte nachhaltig und eröffnete neue Möglichkeiten, lesbisches und bisexuelles Leben zu denken – und zu leben. Mit ihrer 1986 veröffentlichten Biografie über Magnus Hirschfeld leistete sie einen wichtigen Beitrag zu seiner Wiederentdeckung, insbesondere im englischsprachigen Raum.

(dieser Text ist auch im Audio-Clip zu hören)

Charlotte Wolff wurde 1897 im westpreußischen Riesenburg geboren. Sie wächst in einer jüdischen Kaufmannsfamilie auf und merkt früh, dass ihr Herz für Mädchen schlägt. Sie verliebt sich in Mitschülerinnen, schwärmt für Lehrerinnen und erlebt die Zuneigung zu ihrer Freundin als etwas Natürliches und Glückliches: „Weder Ida noch ich hatten jemals den Begriff Homosexualität gehört, noch wussten wir irgendetwas über gleichgeschlechtliche Liebe. Wir erlebten unsere Zuneigung ohne Angst, ohne Etikett, ohne Liebesvorbilder. Wir liebten uns ganz einfach. Uns zu küssen bedeutete die größte Lust. Und wir küssten uns zu jeder Stunde.“

Als Studentin zieht Charlotte nach Freiburg, Königsberg, Tübingen und schließlich nach Berlin, wo sie Philosophie und Medizin studiert. Sie will verstehen, wie Menschen fühlen und denken – und zugleich praktisch helfen. Mitte der 1920er Jahre arbeitet sie in Berlin als Ärztin, zunächst im Rudolf-Virchow-Krankenhaus, später in der Schwangerschaftsfürsorge der Berliner Krankenkassen. 1929 beteiligt sie sich am Aufbau der ersten Klinik für Schwangerschaftsverhütung in Deutschland. Dort begegnet sie den Lebensrealitäten vieler Frauen: ungewollte Schwangerschaften, Gewalt, Hoffnungslosigkeit, aber auch großer Stärke und Zusammenhalt.

Gleichzeitig blüht in Berlin eine lebendige homosexuelle Subkultur auf, in der Charlotte ihren Platz findet. Einer ihrer Lieblingsorte ist die „Verona-Diele“, die auf sie „einen unvergesslichen Zauber“ ausübte. Sie trägt kurze Haare, dunkle Kostüme, Krawatte, tritt offen lesbisch auf und bewegt sich selbstverständlich in Bars, in denen Frauen Frauen begehren und gemeinsam tanzen. Sie schreibt Liebesgedichte für Frauen, erlebt leidenschaftliche Beziehungen und lange Partnerschaften.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verliert Charlotte als Jüdin ihre Anstellung. 1933 wird sie in der Berliner U-Bahn von der Gestapo festgenommen, weil sie Männerkleidung trägt und der Spionage verdächtigt wird. Ein Wachmann erkennt sie als Ärztin seiner Ehefrau wieder und verhilft ihr zur Freilassung. Kurz darauf wird ihre Wohnung durchsucht. Charlotte erkennt, dass sie als Jüdin, als unabhängige Frau und als Lesbe nicht mehr sicher ist, und organisiert ihre Flucht nach Paris.

Dort wird ihre ärztliche Approbation nicht anerkannt. Also knüpft sie an eine Fähigkeit an, die sie bereits in Berlin erlernt hatte – die Handanalyse. Aus den Händen versucht sie nicht die Zukunft, sondern Charakterzüge, Spannungen und seelische Zustände zu lesen. Mit ihrer ungewöhnlichen Methode gewinnt sie die Aufmerksamkeit der künstlerischen und literarischen Avantgarde. Zu ihrem Umfeld und ihren Klientinnen und Klienten zählen Persönlichkeiten wie Virginia Woolf, Pablo Picasso, Maurice Ravel, Antoine de Saint-Exupéry, Max Ernst, Salvador Dalí sowie Aldous und Maria Huxley.

1936 emigriert Charlotte auf Einladung der Huxleys weiter nach London. Bereits 1937 erhält sie die Erlaubnis, als Psychotherapeutin zu arbeiten. Anfang der 1950er Jahre kann sie schließlich wieder als Ärztin tätig sein und eröffnet eine eigene Praxis. Sie verbindet ihre Erfahrungen mit Chirologie und Psychologie zu einer besonderen Form der Behandlung, in der Berührung, Beobachtung und Einfühlung zusammenkommen. Für sie steht der Mensch im Mittelpunkt – nicht die Diagnose. In ihren lesbischen Patientinnen erkennt sie viele eigene Erfahrungen wieder: das Leben zwischen Unsichtbarkeit und Stigmatisierung, das Ringen um Selbstakzeptanz und um Beziehungen jenseits traditioneller Rollen. „Es interessiert mich alles, was anders ist“, sagte sie einmal, „wahrscheinlich, weil ich anders bin.“

Ende der 1960er Jahre führt Charlotte Wolff Interviews mit über hundert Frauen und veröffentlicht 1971 ihr Buch „Love Between Women“. Als eine der ersten umfangreichen empirischen Studien untersucht das Buch lesbisches Leben aus einer nicht grundsätzlich pathologisierenden Perspektive, mit Respekt, Empathie und echtem Interesse an den Erfahrungen der Frauen. Wenig später wendet sie sich der Bisexualität zu und vertritt die Idee, dass Menschen grundsätzlich fähig sind, sich in beide Geschlechter zu verlieben. Einige ihrer Thesen wirken aus heutiger Sicht widersprüchlich oder überholt – etwa, wenn sie vermutet, dass der „Urgrund des Lesbianismus“ eine Folge der mütterlichen Bevorzugung des Sohnes gegenüber der Tochter sei. Doch ihr größter Verdienst bleibt: Sie machte lesbische und bisexuelle Existenz sichtbar, erforschte sie und machte sie sagbar.

In den 1970er Jahren wird Charlotte Wolff von der Frauen- und Lesbenbewegung wiederentdeckt. Junge Aktivistinnen, aber auch ältere Lesben der Gruppe L 74 um Kitty Kuse und Gertrude Sandmann, laden sie nach Berlin ein. 1978 kehrt sie mit ihrer Lebensgefährtin Audrey – über achtzigjährig – in die Stadt zurück, die sie einst vertrieben hatte. Sie erlebt ein großes Interesse an ihrem Leben und ihren Ideen. Bei einem erneuten Besuch 1979 vertieft sie diese Kontakte. Rückblickend schreibt sie: „Berlin war wieder ein Ort auf meiner emotionalen Landkarte geworden“, es hatte ihr „ein neues Leben gegeben“.

Charlotte Wolff verstarb am 12. September 1986, kurz vor ihrem 89. Geburtstag, in London. Sie wurde zu einer Schlüsselfigur der queeren Geschichte des 20. Jahrhunderts, weil sie den Mut hatte, über lesbische Liebe und Bisexualität zu schreiben, als diese Themen öffentlich noch stark tabuisiert waren. Auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof erinnert seit 2016 ein Gedenkstein an sie – ebenso wie eine Berliner Gedenktafel an ihrem früheren Wohnort in der Laubenheimer Straße 10 in Wilmersdorf.

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Hinweis zu den Begrifflichkeiten:

Im Projekt wird das Wort „Queer“ verwendet, welches zur Zeit der meisten beschriebenen queeren Held*innen noch gar nicht existierte. Dennoch ist es heute das passendste Wort, um inklusiv alle die zu bezeichnen, die nicht der heterosexuellen-cis-Mehrheit entsprechen

Ein Projekt von Rafael Nasemann angegliedert an die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V., Berlin.

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