Otto Hampel (1895-1940)
39 - Stolperstein Otto Hampel
Motzstr. 30, im 2. Stock, Berlin-Schöneberg
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Otto Hampel war ein Schriftsetzer und Vertreter. In den 1930er Jahren lebte er mit seinem Lebensgefährten Carl Christian Vogl in einer langjährigen Beziehung, die 1937 zu einer Verurteilung wegen Homosexualität nach §175 und einer Gefängnisstrafe führte. Der Gutachter und das Gericht bewerteten ihn als „minderwertig“ und als „kein vollwertiger Mensch“ und wiesen ihn in eine psychiatrische Anstalt ein. Im Rahmen der nationalsozialistischen „T4“-Euthanasie wurde er 1940 aus der Heil- und Pflegeanstalt Berlin-Buch deportiert und noch am selben Tag in der Tötungsanstalt Brandenburg ermordet; heute erinnert ein Stolperstein an ihn.
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(dieser Text ist auch im Audio-Clip zu hören)
Otto Arthur Edgar Hampel wurde am 14. Mai 1895 in Breslau geboren. Dort besuchte er die Volksschule und absolvierte bis 1913 eine Lehre als Schriftsetzer. Während des Ersten Weltkriegs diente er von 1915 bis 1918 als Soldat. In dieser Zeit infizierte er sich mit Lues (Syphilis), einer Erkrankung, die sein späteres Leben schwer beeinträchtigen sollte.
Nach Kriegsende arbeitete Hampel zunächst wieder als Schriftsetzer in Breslau. Der Konkurs seiner Firma zwang ihn jedoch zu einem Orts- und Berufswechsel. Ab 1922 war er als Provisionsvertreter in Köln und Berlin tätig, konnte davon aber nur mühsam leben. Sein Alltag bewegte sich zunehmend am Rand der Legalität: Zwischen 1925 und 1927 wurde er mehrfach verurteilt – unter anderem wegen Einbruchs, Hehlerei, Betrugs und militärischen Geheimnisverrats.
Ende der 1920er Jahre frequentierte Hampel in Berlin homosexuelle Lokale. 1928 lernte er dort Carl Christian Vogl kennen, einen Justizangestellten aus Charlottenburg. Aus der Bekanntschaft entwickelte sich eine fast neunjährige Beziehung, die trotz der politischen Repressionen fortbestand. Beide traten 1933 der NSDAP bei. Gesundheitlich litt Hampel zu dieser Zeit bereits stark unter den Folgen seiner Syphiliserkrankung, die ihn zunehmend arbeitsunfähig machte. Mehrfach hielt er sich zu Kuren in den Wittenauer Heilstätten auf (1930, 1932 und 1936), häufig auch wegen Alkoholproblemen im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Weinvertreter.
Ab 1936 lebte Hampel von einer wöchentlichen Wohlfahrtsunterstützung in Höhe von 40 Reichsmark, ergänzt durch finanzielle Hilfe seiner Schwester. Er bezog ein Untermietzimmer bei Adele Hanebuth in der Motzstraße 30 in Berlin-Schöneberg, einem Viertel mit lebendiger schwuler Subkultur.
Im Januar 1937 geriet Hampel ins Visier der Gestapo. Ein Bekannter Vogls war wegen Homosexualität verhaftet worden und hatte Namen genannt. Bei einer Hausdurchsuchung am 13.1.1937 bei Vogl fand man ein gerahmtes Foto Hampels. Am Tag darauf wurde auch Otto Hampel verhafte und das Gestapo Hautgefängnis gebracht, wo sich heute das Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“ befindet. Dort wurden sie tagelang verhört und inhaftiert. Sie gestanden schließlich die „widernatürliche Unzucht“ nach § 175 RStGB. Am 19. Mai 1937 wurde ihre Beziehung zu einer Straftat erklärt und das Amtsgericht Berlin verurteilte Hampel wegen „fortgesetzter widernatürlicher Unzucht“ zu neun Monaten Gefängnis in Plötzensee.
Carl Christian Vogl erhielt zwölf Monate Haft und das Gericht verfügte seine Entlassung aus dem Staatsdienst. Über das weiter Schicksal nach der Entlassung 1938 von Carl Christian Vogl ist sein weiteres Schicksal unbekannt.
Der vom Gericht beauftragte Gutachter befand Otto Hampel aufgrund seiner Spätfolgen der Lues-Erkrankung als „minderwertig“ und „kein vollwertiger Mensch, er bedürfe der Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt“. Nach Verbüßung der Haftstrafe im Oktober 1937 kam Hampel direkt in die geschlossene Abteilung der Heil- und Pflegeanstalt Berlin-Buch. Es wurde eine angebliche Geisteskrankheit notiert. Dort kämpfte er verzweifelt um seine Freiheit.
1938 verlobte er sich mit seiner Vermieterin Adele Hanebuth, die Zigaretten verkaufte und dem NS-Regime offen kritisch gegenüberstand – sie war bereits wegen „Beschimpfung des Hitlergrußes“ ermahnt worden. Beide planten aufgrund zu heiraten, um Hampels Entlassung aus der Psychiatrie zu erreichen und gemeinsam eine Dreizimmerwohnung zu beziehen. Hampel stellte im September und Dezember 1938 entsprechende Entlassungsanträge, unterstützt von Adele Hanebuth. Gutachter, Gestapo und Kriminalpolizei sprachen sich jedoch dagegen aus: Es fehle an wirtschaftlicher Grundlage, zudem verwies man auf seine Vorstrafen und die vermutete Homosexualität. Ein Fluchtversuch im Frühjahr 1939 scheiterte; Hampel wurde erneut in die geschlossene Abteilung eingewiesen. Auch Hanebuths Antrag auf Verlegung in das mildere St. Joseph-Hospiz in Weißensee wurde aus „Verwaltungsgründen“ und wegen psychiatrischer Bedenken abgelehnt.
Am 30. März 1940, im Alter von 44 Jahren, wurde Hampel von einem grauen Bus der „Gekrat“ – einer Tarnorganisation der sogenannten T4-Aktion – abgeholt. Unter dem Vorwand einer Verlegung in eine „nicht bekannte Anstalt“ brachte man ihn in die getarnte Tötungsanstalt Brandenburg. Noch am selben Tag wurde er dort in einer Gaskammer ermordet. Die T4-Aktion richtete sich gegen als „minderwertig“ eingestufte Patientinnen und Patienten; Hampels §175-Vorstrafen sowie die Diagnose der syphilisbedingten „progressiven Paralyse“ machten ihn zum Ziel der Selektion. Die Anstalt Buch vermerkte später lediglich die Tarnformel der Verlegung, während eine gefälschte Todesmeldung aus Hartheim im Jahr 1942 als Todesursache eine Nierenentzündung angab.
Mehr als 70 Jahre später, am 5. August 2011, wurde vor dem Haus in der Motzstraße 30 ein Stolperstein für Otto Arthur Edgar Hampel verlegt. Der Initiator des Stolperstein Stefan Probst bemerkte, der Stein hole Hampel „aus der Anonymität und dem Vergessen“, gebe ihm „seinen Namen zurück und seinen Platz im Leben“.
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Weiterführende Links & Quellen:
- Online-Artikel „Otto Hampel (1895-1940)“ im Buch „Historische Orte und schillernde Persönlichkeiten im Schöneberger Regenbogenkiez. Vom Dorian Gray zum Eldorado“, von Andreas Pretzel, Maneo-Kiezgeschichte Band 1, Berlin 2012.
- Online-Artikel „Otto Hampel“, Stolpersteine in Berlin
- Video mit Rede „Stolperstein: Verlegung für Otto Hampel in Schöneberg“, YouTube, 5.8.2011
Hinweis zu den Begrifflichkeiten:
Es wird das Wort „queer“ verwendet, welches zur Zeit der meisten beschriebenen queeren Held*innen noch gar nicht existierte. Dennoch ist es heute das passendste Wort, um inklusiv all die zu bezeichnen, die nicht der heterosexuellen Cis-Mehrheit entsprechen.
Ein Projekt von Rafael Nasemann angegliedert an die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V., Berlin.
Gefördert durch die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung – Stiftung für queere Bewegungen

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